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24.10.2007 
Bürokratieabbau

Im Paragrafendschungel

von Klaus Stratmann

110 Beamte durchforsten Tausende Gesetze: Sie sollen den staatlich verordneten Bürokratieabbau vorantreiben – und Unternehmen so von Kosten entlasten. Welche Zahl letztendlich unter dem Summenstrich stehen wird, kann man nur ahnen. Es könnten bis zu 80 Milliarden Euro sein.

Klassisches Aktenlager in der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Foto: apLupe

Klassisches Aktenlager in der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Foto: ap

WIESBADEN. Kann man Bürokratie messen? Ja, man kann. Daniel Vorgrimler schaltet seinen Computer ein und ruft eine sehr, sehr lange Liste auf. Sein Büro ist schmucklos grau, so wie es jeder Steuerzahler aus dem örtlichen Finanzamt kennt. Kaum etwas lenkt ab. Die Liste, die soeben über den Bildschirm flackert, enthält nicht weniger als 10 945 Vorschriften: Statistik- und Buchführungspflichten, Kennzeichnungs- und Nachweispflichten. Sie treffen den Metzger wie den Großkonzern, das Architekturbüro wie den Gießereibetrieb – und bürden der Wirtschaft enorme bürokratische Kosten auf. Wer sich hier durcharbeiten muss, kann keine Ablenkung brauchen.

Vorgrimler, promovierter Volkswirt, ist Referatsleiter im Statistischen Bundesamt. Systematisch erfasst er die bürokratischen Lasten für Deutschlands Unternehmen und erfüllt damit eine Aufgabe, der Bundeskanzlerin Angela Merkel höchste Priorität beimisst. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, ein Viertel der bürokratischen Lasten abzubauen. Die Wirtschaft könnte das jährlich um Milliarden entlasten.

Ehe man die Lasten abbauen kann, muss man sie freilich messen. Insgesamt 110 Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes sind mit diesem Mammutprojekt betraut. Daniel Vorgrimler ist einer von ihnen. Der größte Teil der Bürokratiekostenerfasser sitzt wie er in einem nüchternen Bürogebäude eines Wiesbadener Gewerbeparks direkt am Rhein – mit den Nachbarn Zollamt und Wursthüllenhersteller Kalle („Wir machen das Kleid der Wurst“).

Ganz pragmatisch und, ja, irgendwie unbürokratisch gehen die Bürokratiekostenerfasser ihrer Arbeit nach. „Wir befragen Unternehmer telefonisch, gehen mit Fragebögen in die Betriebe oder veranstalten Expertenpanels“, erläutert Vorgrimler. Kurzum: Um zu ermitteln, welche Kosten die Erfüllung einer bestimmten Informationspflicht in einem Unternehmen auslöst, bedienen sie sich aller gebräuchlichen Instrumente der empirischen Sozialforschung. „Damit halten wir das geeignete Werkzeug in der Hand, um Bürokratie zu erfassen und zu messen“, versichert Vorgrimler. Außerdem pflege man intensive Kontakte zur Wirtschaft und lege großen Wert auf Praxisnähe.

Dass die Leute vom Statistischen Bundesamt ihre Eignung für den Job herausstellen, ist kein zufälliger Reflex. Als es im vergangenen Jahr um die Frage ging, wie man den Bürokratieabbau am besten organisiert, hatten viele Fachleute die Niederländer vor Augen. Die Väter des systematischen Bürokratieabbaus haben schon vor vielen Jahren mit der Herkulesaufgabe begonnen und ihre mittlerweile international beachtete Methode, die die Deutschen nun in weiten Teilen kopieren, „Standardkostenmodell“ (SKM) genannt. Nach Ansicht der Niederländer gehört es zu den unabdingbaren Erfolgsvoraussetzungen des Standardkostenmodells, externe Kräfte mit dem Job zu betrauen, den hier zu Lande das Statistische Bundesamt erledigt. Wer Beamte zum Abbau von Bürokratie einsetzt, so die Überlegungen im Nachbarland, mache den Bock zum Gärtner.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie das Messen einer bürokratischen Belastung vorsich geht.

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