Im Profil: Jokob M. Mierscheid
Der Prophet der deutschen Genossen

Er ist das Phantom des Deutschen Bundestags: Seit 30 Jahren wird Jakob M. Mierscheid als Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion geführt – als Nachfolger des 1979 verstorbenen SPD-Abgeordneten Carlo Schmid. Seitdem meldet sich Mierscheid regelmäßig via Presseerklärungen zu Wort – in der Krise ist die gute Seele der SPD mehr denn je gefragt.

dhs HB. Der Deutsche Bundestag verehrt keinen Abgeordneten mehr als Jakob Maria Mierscheid. Im offiziellen Kalendarium des deutschen Parlaments jedenfalls ist allein sein Geburtstag vermerkt, nicht der von Merkel, Steinmeier oder sonst einem Politiker. „Geburtstag des Jakob M. Mierscheid“ stand gestern da, wo sonst nur Nationalfeiertage Platz finden.

Mierscheid ist das Phantom der SPD-Bundestagsfraktion. Im Plenum ward er nie gesehen, wirbt weder bei Christiansen, Illner oder Beckmann für sich. Dafür meldet er sich seit nunmehr 30 Jahren via Presseerklärungen zu Wort und spricht der Partei aus der Seele. „Er ist unser guter Geist“, sagt Fraktionschef Peter Struck.

1979, als der SPD-Abgeordnete Carlo Schmid starb, erklärten drei SPD-Abgeordnete Mierscheid zu dessen Nachfolger. Die Bundestagsverwaltung zeigte Humor und führt Mierscheid seither als Mitglied.

Mierscheid aber, der nunmehr 76-jährige Schneidermeister a.D., besitzt eine ernsthafte Fähigkeit: Er vermag die Zukunft der SPD vorauszusagen. Danach entspricht der Stimmenanteil der SPD bei einer Bundestagswahl dem Index der Rohstahlproduktion Westdeutschlands im Wahljahr.

Diesmal könnte die Gesetzmäßigkeit für die SPD fatal sein: Ende 2008 lag der Index bei 32,8 – Tendenz fallend. Umso mehr behalten die Genossen den Humor und setzen voll auf ihren Mierscheid. Er operiere unter dem Decknamen „Obama“, mutmaßt der Sprecher der Parlamentarischen Linken in der SPD-Fraktion, Ernst Rossmann, und hofft, „dass das amerikanische Konjunkturpaket die Stahlproduktion ankurbelt.“

Weil sich die Genossen nicht mehr auf die Konjunktur verlassen können, gilt aber ab sofort das Prinzip Hoffnung, „Mierscheid-Zyklus“ genannt. Danach beträgt bei der SPD die Spanne zwischen Opposition und Regierung 16 Jahre. „Ob das ganz genau hinkommt, ist nicht so wichtig“, schrieb Mierscheid kürzlich den Kollegen. „Hauptsache, die Richtung stimmt.“ Die SPD könne auch überlegen, zwei mal 16 Jahre zu regieren, „da wir auch schon mal zwei Oppositionszyklen hintereinander hatten.“

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