Image-Kampagne gestartet: Pensionswelle bringt Schulen in Personalnot

Image-Kampagne gestartet
Pensionswelle bringt Schulen in Personalnot

Gewöhnlich tragen Ulrich Wickert und Eva Herman Nachrichten in die deutschen Wohnzimmer. Jetzt flimmern sie nicht nur zur Tagesthemenzeit über die Bildschirme, sondern ergreifen auch in Werbepausen das Wort – für ein besseres Image der Lehrer. „Hochachtung“ hätten sie vor denen, die es schafften, „Kindern diese Welt zu erklären“. Dann rufen sie die Fernsehzuschauer dazu auf, den Hut zu ziehen. Die Spots gehören zur Kampagne der Kultusministerkonferenz (KMK) „Bildung – unser Ticket in die Zukunft“.

DÜSSELDORF. Großzügig hat die KMK in die Marketing-Kiste gegriffen: Neben TV-Spots sollen Broschüren und Postkarten, Anzeigen und Online-Informationen jungen Leuten Lust auf ein Lehramtsstudium machen. Denn bundesweit stehen Schulen vor einem Problem: Eine Pensionierungswelle droht die Lehrerzimmer des Landes leer zu fegen. 371 000 Pädagogen werden bis 2015 in den Ruhestand gehen. Das ist fast die Hälfte der heutigen 750 000 Lehrkräfte. „Wie es aussieht, können wir sie nicht ersetzen“, sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Der Masse scheidender Lehrkräfte stehen nach Hochrechnungen der KMK nur 297 000 Neuabsolventen gegenüber. Allerdings räumen die Statistiker wegen des langfristigen Zeitraums der Prognose erhebliche Unsicherheiten ein.

Dass es immer weniger Abiturienten an erziehungswissenschaftliche Fakultäten zieht, liegt vor allem an dem schlechten Image, das Lehrern anhaftet. „Der Beruf ist im öffentlichen Ansehen so schwer beschädigt, dass viele junge Leute sagen: Das tue ich mir nicht an“, so Kraus. Zudem gebe es wenig materielle Anreize, verglichen mit Gehältern in der freien Wirtschaft. Ein kinderloser Hauptschullehrer in den alten Bundesländern beispielsweise verdient zu Beginn seiner Laufbahn 2 500 Euro brutto.

„Schon heute spüren wir, dass Lehrer schwieriger zu finden sind“, erklärt Sabine Schmalstieg, Leiterin eines Gymnasiums in Mettmann. Hier fehlen Lehrkräfte für Englisch, Latein und Religion. „Wir müssen mit knappster Besetzung arbeiten“, sagt sie. Grund dafür sind vor allem unerwartete Frühpensionierungen. Mit Sorge denkt die Schulleiterin daran, dass in den nächsten sieben Jahren weitere zwölf Mitglieder des Lehrerkollegiums altersbedingt ausscheiden. Um Stunden einzusparen, müssten die Lehrer vielleicht bald in größeren Klassen unterrichten, was sie stärker belaste und die Unterrichtsqualität gefährden könnte.

In vielen Teilen Nordrhein-Westfalens ist es ähnlich. Bis 2015 muss das Land über 70 000 Lehrer einstellen, um Ruheständler zu ersetzen. Damit die Pensionäre keine leere Stühle hinterlassen, warb NRW-Schulministerin Ute Schäfer vor kurzem persönlich an der Universität Dortmund um Studienanfänger: „Im Schuldienst sind die Berufsaussichten für junge Menschen in den kommenden Jahren hervorragend.“ Das gelte vor allem für die Fächer Mathematik, Physik und Informatik.

Neben NRW und Hessen erwischt die Pensionswelle besonders Brandenburg und Berlin. Obwohl die Schülerzahlen durch Geburtenknick und Abwanderung gesunken sind, werden Pädagogen fehlen. Berlin will ab dem kommenden Jahr rund 1 000 Lehrer jährlich einstellen. Brandenburg muss ab 2011 verstärkt Pensionäre ersetzen.

Ein Problem für alle Länder ist der Lehrermangel an beruflichen Schulen – vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung, Elektro- und Metalltechnik. Leere Stellen müssen die Schulen oft mit Absolventen lehramtsfremder Studiengänge oder Akademikern aus der freien Wirtschaft füllen. Ein Referendariat oder pädagogische Seminare bereiten sie auf den Job vor.

Manche Länder halten solche Seiteneinsteiger auch bei allgemeinen Schulen für eine Lösung, um Lehrkräfte für Mangelfächer zu finden. In NRW ist es bereits möglich, ohne Lehramtsprüfung an Real-, Haupt- und Gesamtschulen zu unterrichten. Nicht üblich ist es an Gymnasien. Wulff Rehfus hätte aber keine Bedenken, Seiteneinsteiger einzustellen, wenn es Vorgespräche und eine Probezeit gäbe. Der Leiter eines Düsseldorfer Gymnasiums weiß: „Freude am Umgang mit Menschen lernt man nicht an der Uni.“

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