Image ramponiert
Warum Wowereits Image ramponiert ist

Dass die rot-rote Mehrheit im Berliner Senat wackelt, sieht nicht jeder in der Bundes-SPD mit Bedauern. Denn "Wowis" Kuschelkurs mit der Linken passt gar nicht zur Ausgrenzungsstrategie von Parteichef Franz Müntefering für den Bundestagswahlkampf.

BERLIN. Obwohl das Willy-Brandt-Haus in Berlin steht, hat sich der Regierende Bürgermeister in der SPD-Parteizentrale nie so richtig heimisch gefühlt. Dabei müsste Klaus Wowereit das Gebäude eigentlich mögen, denn es tauchte bis vor kurzem regelmäßig in seinen kühnsten Karriereträumen auf. Darin hätte "Wowi", wie ihn seine Fans nennen dürfen, recht bald schon das dreieckige Chefbüro des SPD-Vorsitzenden beziehen dürfen.

Doch seit eine SPD-Abgeordnete im Berliner Landesparlament zu den Grünen übergelaufen ist, wackelt Wowereits rot-rote Zweistimmen-Mehrheit im Roten Rathaus ganz gewaltig. Und weil auch noch ein Abgeordneter der Linken mit dem bezeichnenden Namen Carl Wechselberg die Koalitionspartei verlassen hat, müsste der Regierende Bürgermeister künftig eigentlich "zitternder Bürgermeister von Berlin" heißen. Schließlich ist er ab jetzt bei jeder Abstimmung auf die Launen des parteilosen Herrn Wechselberg angewiesen.

Den schnellen Fall Wowereits vom Hoffnungsträger zum unsicheren Kantonisten sieht nicht jeder in der Bundes-SPD mit Bedauern. Zu offensiv hatte der feierfreudige Berliner sich immer wieder als Führungsreserve ins Gespräch bringen lassen, zu sehr hatte sein Integrationskurs gegenüber der Linken die Ausgrenzungsstrategie von Franz Müntefering für den Bundestagswahlkampf konterkariert. Zu ungeduldig hatte Wowereit nicht zuletzt auf das Abtreten der Altvorderen gesetzt, garniert mit der Perspektive, bis spätestens 2009 eine rot-rot-grüne Bundesregierung etablieren zu können.

Vor allem auf dem rechten Parteiflügel mischt sich deshalb jetzt Genugtuung mit Häme. "Der Klaus" müsse "erst einmal seine Mehrheit zusammenhalten", meint etwa ein Mitglied der rechten "Seeheimer". Damit habe er "sicher schon genug zu tun". Ex-SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter hält Wowereits Landesregierung an der Spree bereits für gescheitert. Öffentlich forderte Benneter seinen Parteifreund auf, das wackelige rot-rote Bündnis in Berlin lieber gleich um die Grünen zu erweitern und so zu retten.

Dass es im Moment gar nicht gut läuft für "Wowi", zeigte sich auch gestern. Im Willy-Brandt-Haus sollte er Seit an Seit mit dem knorrigen Parteichef Müntefering der Presse ein Paradeprojekt der SPD für das Superwahljahr vorstellen. Wowereit als Regierender Bürgermeister der größten deutschen Metropole ist natürlich auch Vorsitzender der "SPD-Metropolen-Kommission", ein Genossen-Gremium, das die SPD als Großstadtpartei etablieren will. Die strategische Relevanz ergibt sich aus dem Superwahljahr und der Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller Wähler in Metropolenregionen leben. Und da es dort viele "Menschen mit Migrationshintergrund" gibt, sollen die Nicht-EU-Ausländer "mehr teilhaben dürfen", ergo das kommunale Wahlrecht erhalten.

Außerdem wird im schönsten SPD-Deutsch alles versprochen, was gut klingt: Rechtsanspruch auf Kitaplatz und Ganztagsschule, mehr Bildungsangebote in sozial schwachen Vierteln, generationenübergreifende Wohnform, Mikrokredite für Kleingewerbe und - haarscharf am DDR-Sprech vorbei - ein "Kreativpakt zwischen Künstlern und Kulturwirtschaft". Die Schirmherrschaft hat natürlich Jim Rakete - einer der halboffiziellen SPD-Lieblingskünstler.

Während Wowereit redet, gucken Müntefering und die Medienvertreter Löcher in die Luft. Kein Interesse, null Bock, wie man in Kreuzberg sagt. Dennoch sollen Fragen gestellt werden an den Hoffnungsträger der Metropolen. Also: Fragen? Keine. Wirklich keine? Nein.

Wowereit lächelt säuerlich. Dann spricht Franz Müntefering vom "erkennbaren Verfall der Linkspartei", mit der man im Bund nie zusammengehe. Jetzt schaut Wowereit Löcher in die Luft, lächelt sehr säuerlich und meidet jeden Blick auf Müntefering. Eines aber hat der Hoffnungsträger verstanden: Er wird wohl noch etwas warten müssen auf das Chefbüro im ungeliebten Willy-Brandt-Haus.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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