In Baden-Württemberg
IG Metall verzeichnet erste Austritte wegen Peters

Nach der gescheiterten Krisensitzung des IG Metall-Vorstandes steht die größte Industriegewerkschaft vor einer regelrechten Schlammschlacht. Wegen des Führungsstreits um den umstrittenen stellvertretenden IG-Metall-Chef Jürgen Peters befürchtet die Gewerkschaft in Baden-Württemberg einen Mitgliederschwund.

HB/rtr/dpa STUTTGART. „Ich habe allein in den letzten Tagen 70 bis 80 Kündigungen auf meinen Schreibtisch bekommen“, sagte Gewerkschaftssekretär Frank Stroh am Mittwoch in Stuttgart. „Die Kritik macht sich an der Person von Peters fest.“ Nun sei mit noch mehr Austritten zu rechnen. „Das ist eine Situation, die die IG Metall in ihrem Ansehen schädigt“, sagte er. Baden-württembergischer Bezirkschef ist Berthold Huber, der eigentlich Stellvertreter Peters' werden sollte, wenn dieser im Oktober Gewerkschaftschef Klaus Zwickel nachfolgt. Huber hatte am Dienstag jedoch seine Kandidatur für ein Vorstandsamt zurückgezogen und will in Stuttgart bleiben.

Nach dpa-Informationen werden intern bereits Drohungen ausgesprochen, um auf bevorstehende Personalentscheidungen Einfluss zu nehmen. „Wenn Peters an die Spitze der Organisation kommt, werden die Grabenkämpfe in den kommenden Jahren noch erbitterter werden“, hieß es einen Tag nach der gescheiterten Krisensitzung des Vorstandes über einen personellen Neubeginn.

Unterdessen nehmen an der Basis die Proteste der einfachen Mitglieder zu. Sie können den Machtpoker der verfeindeten Lager kaum noch nachvollziehen. Mit der Niederlage beim Streik in Ostdeutschland und dem öffentlich ausgetragenen Konflikt von IG Metall-Chef Klaus Zwickel und seinem Stellvertreter Jürgen Peters werde das Ansehen der Organisation weiter nach unten gerissen. Dies ist der Tenor einer Flut von Protestbriefen.

Selbst der Vorschlag von Zwickel, mit dem eigenen Rücktrittsangebot den Weg für einen Kompromiss freizumachen, ist gescheitert. Sein Gegenspieler Peters hält unvermindert daran fest, auf dem Gewerkschaftstag im Oktober den Delegierten seine Sicht der Streikniederlage darzustellen und für die Zwickel-Nachfolge zu kandidieren.

Nachdem auch der ursprüngliche Kandidat für den 2. Vorsitzenden - der Stuttgarter Bezirksleiter Berthold Huber - als Repräsentant des Reformflügels das Handtuch geworfen hat, steht die IG Metall-Führung vor einem Scherbenhaufen. Sie muss nun voraussichtlich bis Anfang September den Delegierten einen neuen Personalvorschlag unterbreiten. Angesichts der Patt-Situation im 41-köpfigen Gesamtvorstand muss davon ausgegangen werden, dass Peters auf der Kandidatenliste bleibt.

Damit wird auch die Suche nach einem Stellvertreter erschwert. Aus dem Zwickel-Huber-Lager drängt sich derzeit niemand, unter „dem Polarisierer Peters“ die Nummer Zwei zu sein. Der norddeutsche Bezirksleiter Frank Teichmüller schließt allerdings nicht mehr aus, für den Vorsitz anzutreten.

Mitgliederbefragung als neuer Ausweg

In dieser Zwangslage macht sich in der 2,6 Millionen Mitglieder starken Organisation ein neuer Gedanke breit: Eine Mitgliederbefragung könnte den gordischen Knoten lösen. „Die einfachen Mitglieder haben es satt, in den Medien die Hahnenkämpfe ihrer Oberen anzuschauen“, wird von betrieblichen Funktionären argumentiert. „Die Leute haben einen Riesenfrust.“

Der Peters-Fraktion wird neben Fehlern beim Arbeitskampf in Ostdeutschland ein traditionelles Organisationsverständnis vorgeworfen. Die Kritik von Betriebsräten wegen des mangelnden Realitätssinns bei dem jüngsten Ost-Konflikt werde mit „mangelnder Disziplin gegenüber der Gewerkschaft“ weggebügelt. Bei einer dringend notwendigen Reform müsse das Gewicht der Praktiker aus den Betrieben in den Gremien verstärkt werden, argumentieren die Kritiker.

Die Übermacht der Funktionäre aus dem Apparat wird deshalb auch als Ursache für die tiefe Krise der IG Metall gesehen. „Wenn im Gesamtvorstand mehr Ehrenamtliche säßen, wäre der Spuk längst vorbei.“ Mit einfachen Antworten über den Widerspruch von Kapital und Arbeit ließen sich die konkreten Interessen der Gewerkschaft kaum noch vertreten. Da auch auf dem Gewerkschaftstag die Delegierten zu 30 bis 40 Prozent Hauptamtliche seien, habe Peters mit seinen „Steherqualitäten“ gute Chancen, an die Spitze zu kommen.

Weitere Vorwürfe gegen Peters

Neben ideologischen Differenzen wird Peters vorgeworfen, die eigene Person über das Interesse der Gewerkschaft zu stellen. Das für Tarifpolitik zuständige Vorstandsmitglied hatte nach dem mehr als zwölfstündigen Marathon in Frankfurt erneut betont, er wolle seine Person nicht beschädigen lassen. In diesem Zusammenhang wird auf den Rücktritt von Franz Steinkühler verwiesen, der 1993 wegen dubioser Aktiengeschäfte - die damals noch nicht strafbar waren - sein Amt zur Verfügungen stellte, um die IG Metall aus den negativen Schlagzeilen zu bringen.

Angesichts des desaströsen Außenbildes sehen viele Metaller schon mit Sorge der Tarifrunde 2004 entgegen. Mit dem angeschlagenen Image und der miesen Stimmung an der Basis könne keine Gewerkschaft selbstbewusst auftreten. Langfristig bestehe sogar die Gefahr, dass die IG Metall ihre Führungsrolle in der Tarifpolitik verliere und bei wichtigen politischen Debatten wie um die Kanzler-Agenda 2010 kaum noch ernst genommen werde.

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