In eigener Sache
„Verdummung und Propaganda“

Die Debatte um den Euro und die Schuldenkrise wird hitzig und emotional geführt, auch in den Kommentaren auf Handelsblatt Online. Die Diskussion ist wichtig, doch manchmal geht es unter die Gürtellinie.
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„Deutsche stehen zum Euro“, titeln wir heute. Die Geschichte dahinter: Laut einer exklusiven Umfrage wollen mehr als zwei Drittel der Deutschen den Euro behalten – der beste Wert seit seiner Einführung. Was wir da nüchtern beschrieben haben, hat viele von Ihnen nicht kalt gelassen, berührt, manche sogar getroffen und empört. Die dreistellige Zahl von Kommentaren, die schnell zusammengekommen ist, spricht jedenfalls dafür.

Die Inhalte auch. Sie gehen zum Beispiel so: „Einfach nur lachhaft. Wenn 1000 Leute befragt werden, dann ist eine Umfrage representativ (sic)? Die Verdummung und Propaganda nimmt immer krassere Züge an, die Verdummung durch die Massenmedien wird immer verrückter aber für normal denkende Menschen auch immer leichter zu durchschauen.“ Uns sind diese Reaktionen gut bekannt: Artikel über die Euro-Krise, den Euro oder auch der Euro-kritischen Partei "Alternative für Deutschland" werden oft und heftig kommentiert. Darüber freuen wir uns, denn die Diskussion ist wichtig. Doch manchmal haben wir unsere Liebe Müh und Not. Auch heute wieder.

Denn schnell verwandelt sich die sachliche Debatte im Kommentarfeld zu einer Reihung von Beleidigungen. Manche Themen, und dazu gehört nicht nur die Euro-Debatte, ziehen fiese Kommentare geradezu an: Unter Texten zu Israel warnen Kommentatoren vor der „zionistischen Weltverschwörung“ und bei Beiträgen zur NSU sehen einige die Schuld bei den Türken. Und ja - das meinen die immer anonymen Verfasser ernst. Nicht selten ängstigen sich Trolle davor, dass die Grünen Deutschland geradezu „abschaffen“ wollen, gerne belegt mit nicht mehr als zweifelhaften Kommentaren von Trittin bis Özdemir. Wir kennen das und weil wir für den Inhalt unserer Seite stehen wollen, schalten wir die Kommentarfunktion in solchen Fällen ab.

Doch beim Thema Euro möchten wir das ungern tun. Denn wir sind für einen offenen Meinungsaustausch, erst recht – so meinen wir bei Handelsblatt Online - bei Wirtschaftsthemen. Wir wollen keine Kritik zensieren, wie uns oft vorgeworfen wird, sondern freuen uns tatsächlich über jede kritische Stimme. Doch wir merken, dass gerade die Euro-Debatte hitzig und emotional geführt wird – und sich Kommentatoren dabei schnell beleidigen. Sie gehen unter die Gürtellinie.

Dass wir als Redaktion voller Praktikanten (was übrigens auch gemein gegenüber Praktikanten ist), Systempresse oder Schmierenjournallie bezeichnet werden, lassen wir sogar meistens stehen  - das können wir aushalten. Aber wenn sich unsere Leser gegenseitig beschimpfen, müssen wir Kommentare löschen, auch wenn wir dadurch als Zensor beschimpft werden.

Gerade unter den Texten zur „Alternative für Deutschland“ findet inzwischen häufig keine echte Debatte mehr statt: Da nutzen Kommentatoren den Begriff der EUdSSr, der sich sonst vornehmlich auf den rechten Seiten von Politically Incorrect oder den wirren Seiten des Kopp-Verlages findet. Oder es wird die EU mit dem Nationalsozialismus, Kommunismus oder andern –ismen verglichen. Manchmal geht es sogar soweit die „Abschaffung der Systempartei CDUCSUSPDFDP“ zu fordern - wenn nötig auch mit Gewalt.

Nochmal: Wir wollen keine Kritik verhindern, haben mit unserem Kolumnisten Hans-Olaf Henkel sogar einen prominenten Euro-Kritiker regelmäßig auf der Seite. Aber auch von ihm wissen wir, dass er lieber auf die inhaltliche Debatte einsteigen würde, als sich das Geschwätz unter seinen Kolumnen angucken zu müssen. Gegen den Euro zu sein, ist nicht das Problem, sondern die Wortwahl mancher Kommentatoren, die der sachlichen Diskussion und damit auch den ernsthaften Kommentatoren schaden.

Wir möchten Sie also bitten: Diskutieren Sie gerne viel und häufig, auch kritisch und emotional. Aber verzichten Sie bitte auf Beleidigungen. Was erlaubt ist, steht auch hier: http://www.handelsblatt.com/impressum/netiquette/

Wer jetzt den Eindruck hat, dass wir Trolle unnötig mit Aufmerksamkeit gefüttert hätten, dem sei dieser Text empfohlen. Denn: Ignorieren ist keine Option.

huGO-BildID: 30544442 Jonas Jansen Handelsblatt Online 4 / 2013 Quelle: Handelsblatt Online
Jonas Jansen
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

Kommentare zu " In eigener Sache: „Verdummung und Propaganda“"

Alle Kommentare

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  • Was oft fehlt, ist zum einen dir differenzierte Sichtweise. Ich bin nicht gegen die Euro-Währung. Jedoch gegen die Gesetzesbrüche der Politik, getragen von Union, SPD, Grünen und FDP, gegen die Milliarden bis mittlerweile fast Billionen teure Subventionierung von Banken und Pleitestaaten auf Kosten der emsigen normalen Steuerzahler in den Geberländern.

    Rechtsradikalismus lasse ich mir über so diffuse Andeutungen nicht vorwerfen. Hier hat sich das Handelsblatt im Ton vergriffen.

  • Ja ja löscht einfach die Wahrheit liebes Handelsblatt.
    Ihr seid auch unfiltriert von der Hochfinanz und EU befürworter.
    99 % FÜR EurO.Hhahhahhhaaaa
    Ich wähle AfD

  • Hallo liebes Handelsblatt,
    Daumen hoch für diesen Artikel. Mir wird es häufig "angst und bange" wenn ich diese Stammtischmeldungen lese.
    Häufig ist zwar ein Fünkchen Wahrhes drin, aber im großen und ganzen kann man nur sagen, dass Sie sehr undifferenziert sind, keine ganzheitliche Betrachtung zulassen und oft nicht mal annähernd auf den Artikel eingehen.

    Andererseits muss ich Euch leider auch anlasten, dass viele Artikel direkt den Marketingabteilungen und Lobbyistenabteilungen entstammen und von Euch als Artikel präsentiert werden. So kommt es, dass keine stringente Linie zu erkennen ist. Heute schreibt Ihr dies, morgen dass. Oft werden Statistiken veröffentlich, bei denen einem beim ersten überfliegen der Daten schon diverse Ungereimtheiten aufkommen - wenn Ihr das veröffentlicht fällt das natürlich auch auf das Handelsblatt zurück.

    Vielleicht macht es Sinn
    1. nur noch registrierte Gäste Kommentare schreiben zu lassen (ich bin zwar selber nicht registriert, aber in der Regel ist da weniger Müll bei)
    2. Artikel die nicht Eurem journalistischem Handwerk entspringen entsprechend kennzeichnen,
    3. Statistiken die von Euch veröffentlicht werden - es sollte gekennzeichnet werden, wer die in Auftrag gegeben hat und die Statistik sollte kommentiert werden. Eigentlich ist es nicht Eure Aufgabe Lobbystatistiken und "Forschungsergebnisse" unter die Leute zu bringen (wenigsten nicht unkommentiert)

    Mit den Maßnahmen tätet Ihr einiges für die Qualität des Handelsblatt (wärt generell Vorreiter) und müsst Euch nicht über die gescholtenen "Trolle" aufregen.

    P.S. Ja - auch ich habe die erwähnten "Grünen Zitate" schon zu oft in Postings lesen müssen... das Problem ist nur, dass ich die hälfte der Zitate aus Interviews mit genau diesen Politikern kenne - so "Trollig" ist das also nicht, sondern tatsächlich fast eher ein Fall für den Verfassungsschutz ;-)

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