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25.09.2006 
Experten werten Funkverkehr und Unterlagen aus

In München soll alles besser werden

Die Betreiber der Transrapid-Teststrecke haben Sicherheitslücken eingeräumt. Alle Beteiligten beeilen sich nun zu versichern, dass diese auf kommerziellen Strecken wie der geplanten Münchener Trasse undenkbar seien. Der bayerische Wirtschaftsminister Huber sieht daher das Projekt auch nicht gefährdet – und warnt Berlin vor einem Rückzug aus der Unterstützung für die Magnetbahn.

Bild des Grauens: Ein Luftbild der völlig zerstörten Front des Transrapid. Foto: dpaLupe

Bild des Grauens: Ein Luftbild der völlig zerstörten Front des Transrapid. Foto: dpa

HB MÜNCHEN/LATHEN. Auch nach dem tragischen Unglück im Emsland seien keine grundsätzlichen Zweifel an dem System und der Technologie angebracht, sagte der CSU-Politiker am Montag im ZDF. Union und SPD hätten sich im Koalitionsvertrag verpflichtet, das Projekt zu unterstützen. Der Bundestag habe schon Gelder frei gegeben. Der Transrapid habe entscheidende Vorteile gegenüber der Bahn. Er sei sicherer, schneller und besser.

Im Herbst soll über den Bau einer rund 37 Kilometer langen Transrapid-Anbindung für München zwischen Stadt und Flughafen entschieden werden. Die Finanzierung des etwa 1,6 Mrd. bis 1,8 Mrd. Euro teuren Projekts ist unklar. Die Entwicklung des Transrapids wird seit Jahren mit etlichen Millionen aus der Staatskasse gefördert. Die Grünen lehnen eine Transrapid-Strecke in der bayerischen Hauptstadt ab.

Zu Berichten, Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee sei vom Zeitplan für die Entscheidung über den Bau der Strecke abgerückt, sagte Huber am Montag im Bayerischen Rundfunk: „Der Bundesverkehrsminister hat keinesfalls eine Änderung des Zeitplans angekündigt.“ Er habe gesagt, dass die Sicherheit oberste Priorität habe. Dem stimme er uneingeschränkt zu.

Huber zeigte sich zuversichtlich, dass es zu einer Einigung komme und der Zeitplan in etwa gehalten werde oder es maximal geringere Verzögerungen gebe. „Wir rechnen mit dem Abschluss des Genehmigungsverfahrens Mitte nächsten Jahres, dieser Zeitplan wird durch die mögliche Nachbesserung des Sicherheitskonzeptes nicht in Frage gestellt“, sagte Huber. Spätestens im Dezember würden sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) zu einem Spitzengespräch treffen.

Einen Unfall wie im Emsland hält er nach seinen Erkenntnissen auf einer möglichen Trasse in München für unmöglich. Das Sicherheitskonzept in München sei besser als das der Teststrecke im Emsland. „Es ist ein integriertes Sicherheitssystem bereits vorgesehen, in dem alle Fahrzeuge eingebunden sind, die sich auf dieser Strecke bewegen.“ Dies war im Emsland nicht der Fall. Der Werkstattwagen, mit dem die Bahn zusammenprallte, wurde nicht elektronisch erfasst und unterlag somit vollständig der menschlichen Kontrolle.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nur die Grünen schießen gegen den Transrapid.

Eine Teststrecke unterliege anderen Anforderungen als eine kommerzielle Strecke, sagte der CSU-Politiker weiter. Im Gegensatz zum Emsland würden in München alle Fahrzeuge auf der Strecke im Sicherheitssystem erfasst. Dennoch werde nachgebessert, sollte es entsprechende Erkenntnisse geben. Grundsätzliche Zweifel an der Transrapid-Technologie habe er trotz des Unfalls nicht. Bei dem Unglück deute alles auf eine unglückliche Verkettung von Anläufen hin, „bei denen wohl menschliches Versagen eine Hauptrolle spielt“, sagte Huber.

Im ZDF erklärte der CSU-Politiker, der Bund und das Land Bayern gäben ein unabhängiges Gutachten über die Sicherheitssituation in Auftrag. „Wir erwarten dieses Gutachten in sechs bis acht Wochen. Es wird alles getan, um, wenn notwendig, das Sicherheitskonzept in München weiter zu verbessern.“ Bundesverkehrsminister Tiefensee (SPD) hatte am Sonntag nach einem Krisentreffen mit der Betreibergesellschaft und dem Hersteller-Konsortium in Berlin bestätigt, dass es bei dem Unglück erhebliche Sicherheitslücken gegeben habe. Dies hätten die Vertreter der Industrie eingeräumt. Nach ihrer Ansicht hätte ein solcher Unfall bei der geplanten Magnetschwebebahn in München nicht passieren können.

Der SPD-Verkehrsexperte Peter Danckert sagte der „Bild“-Zeitung: „So bitter das Unglück auch ist: Das System darf nicht in Frage gestellt werden.“ Er sprach sich gegen einen Stiopp der Planungen für die Transrapid-Strecke in Münschen aus. „Die Strecke sollte unbedingt gebaut werden“, wird er zitiert.


Bildergalerie Fotostrecke: Das Transrapid-Unglück von Lathen


„Wir müssen bei dem Unglück von menschlichem Versagen und einer Verkettung unglücklicher Umstände ausgehen“, sagte auch der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). „Es ist voreilig, die Technologie in Frage zu stellen“, sagte er der Zeitung „Hessisch Niedersächsische Allgemeine“ vom Montag. Der Transrapid sei 25 Jahre lang störungsfrei gelaufen. Der SPD- Bundestagsabgeordnete und Verkehrsexperte Rainer Fornahl sagte der „Leipziger Volkszeitung“, es sei „völliger Unsinn zu fordern, nun die Finger vom Transrapid zu lassen“. Der Unfall dürfe nicht zur Folge haben, die ausgefeilte Magnetschwebe-Technologie zu den Akten zu legen.

Die Grünen dagegen sprachen sich gegen den Bau einer solcher Strecke aus. Der verkehrspolitische Sprecher ihrer Bundestagsfraktion, Winfried Hermann, macht neben den Sicherheitsaspekten vor allem finanzielle Gründe geltend. Im Südwestrundfunk sagte Hermann, die Transrapid-Technik bringe zu viele schwer praktikable Schwierigkeiten mit sich, deshalb sei sie mehr als doppelt so teuer wie normale Schienenprojekte.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Experten beginnen mit Auswertung der Unterlagen und des Funkverkehrs.

Derweil haben Experten nach dem Transrapid-Unglück in Lathen am Montag mit der Auswertung der sichergestellten Unterlagen und des aufgezeichneten Funkverkehrs begonnen. Nach den bisherigen Erkenntnissen hat wahrscheinlich menschliches Versagen in der Leitstelle den Unfall mit 23 Toten und zehn Verletzten ausgelöst. Es gibt nach Angaben der Staatsanwaltschaft Osnabrück keine Hinweise auf einen technischen Defekt. Alles deute darauf hin, dass die Mitarbeiter der Leitstelle dem Transrapid am Freitagmorgen freie Fahrt gaben, obwohl ein Werkstattwagen auf der Strecke stand.

Die Magnetschwebebahn war mit 170 Stundenkilometern in den Werkstattwagen gerast und erst nach knapp 400 Metern zum Stillstand gekommen. Weitere Gutachter sollen an der Unfallstelle Untersuchungen vornehmen, teilte die Polizei am Sonntagabend mit. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung in 23 Fällen. Die beiden unter Schock stehenden Fahrdienstleiter konnte die Staatsanwaltschaft noch nicht befragen.

Bei dem Unglück kamen nach Angaben der Polizei 21 Männer und zwei Frauen ums Leben. Die Todesopfer waren zwischen 40 und 66 Jahren alt. Unter ihnen waren zehn Mitarbeiter des RWE-Regionalcenters Nordhorn sowie zwei US-Bürger. Die Amerikaner hatten als Gäste eines Judoclubs aus Lathen an der Fahrt teilgenommen. Sechs Männer und vier Frauen hatten das Unglück verletzt überlebt.

Ob und wann der Betrieb auf der Teststrecke im Emsland wieder aufgenommen wird, ist offen. Die Staatsanwaltschaft hat die komplette Unfallstelle abgesperrt und beschlagnahmt. Der zertrümmerte Transrapid steht noch immer auf den Stelzen hoch oben über dem Boden.

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