In Städten, die Einwohner verlieren, will keiner lange wohnen – Infrastruktur verkommt zusehends
Spirale des Schrumpfens

„Riechen Sie was?“, sagt Ralf Fischer und fächelt mit der Hand durch die Luft. Ein fauliger Geruch hängt zwischen den braungrauen Gebäuderiegeln in der Plattenbausiedlung „Am Stadtrand“ in Cottbus-Sachsendorf. Fischer weist auf die Gullys, die in den rissigen Asphalt eingelassen sind. „Die Abwasserleitungen setzen sich zu. Hier wohnt ja kaum noch jemand.“ In dem Hochhaus am Ende der Stichstraße, elf Stockwerke, drei Flügel, rund 1 000 Wohnungen, leben noch ganze sieben Parteien.

BERLIN. In Cottbus-Sachsendorf kann man das städtebauliche Megaproblem der Zukunft am lebenden Objekt studieren: Das Problem der schrumpfenden Stadt. Cottbus hatte in den 80er Jahren, als die Braunkohlefelder der Lausitz noch die ganze DDR mit Energie versorgten, knapp 130 000 Einwohner. Heute sind noch etwas über 100 000 davon übrig. Auch im Westen, so prophezeien die Demoskopen, werden Abwanderung und Sterbeüberschuss viele Städte dramatisch schrumpfen lassen.

Den Cottbusser Stadtteil Sachsendorf hatten die DDR-Stadtplaner einst auf 30 000 Einwohner angelegt. Heute wohnen dort nur noch knapp 16 000, mit sinkender Tendenz. Das bedeutet nicht nur Tausende leerer Wohnungen. Das bedeutet Straßen ohne Verkehr, Schulen ohne Schüler, Einkaufszentren ohne Käufer. Das bedeutet Verelendung und Vandalismus. Das bedeutet Abwasserleitungen, die ständig unter der Mindestauslastung gefahren werden müssen – weshalb es in der ohnehin wenig anheimelnden Siedlung am Stadtrand immer ein wenig süßlich riecht.

Die Folge ist eine Spirale des Schrumpfens: Wer in einer schrumpfenden Stadt wohnt, auf dem lastet ein immer größerer Druck, selbst wegzuziehen. Bernhard Müller, Professor für Raumentwicklung in Dresden, nennt zwei Gründe: Der Imagefaktor und die Kosten. „Wenn man sieht, dass ringsum die Häuser abgerissen werden, gibt das ein Gefühl des Verlorenseins.“ Und dazu kommt: Es wird richtig teuer, dort wohnen zu bleiben. Die Anschlusskosten für Ver- und Entsorgung steigen massiv an und verteilen sich zusätzlich auf weniger Köpfe. Gleichzeitig sinken die Immobilienwerte.

Müller hat für die erzgebirgische Kleinstadt Johanngeorgenstadt, die samt Umland bis 2016 von 40 000 Einwohnern auf 30 000 schrumpfen wird, folgendes ausgerechnet: Die Mietnebenkosten steigen von rund 1 500 Euro pro Jahr und Haushalt auf 2 500 bis 3 000 Euro an. Die Kosten für Rückbau und Anpassung der Ver- und Entsorgungsinfrastruktur sind dabei noch nicht berücksichtigt. Die liegen nach einer Studie der Universität Cottbus beim Trinkwasser zwischen 4 und 12 Euro pro Quadratmeter und beim Abwasser zwischen 6 und 18 Euro.

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