Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) Mehr Schaden als Nutzen

Versicherte sparen viel Geld, wenn sie auf die kostenpflichtige Sonderleistungen verzichten. Nicht nur das: Individuelle Gesundheitsleistungen halten häufig nicht, was sie versprechen. Manchmal sind sie sogar gefährlich.
Update: 16.02.2017 - 16:07 Uhr 1 Kommentar
Seit fünf Jahren prüft der medizinische Dienst des Spitzenverbands der Krankenkassen, die verschiedenen IGeL-Leistungen für die gesetzlichen Krankenkassen auf ihren Nutzen, anhand der medizinischen Fachliteratur. Heute zog er Zwischenbilanz. Quelle: dpa
Individuelle Gesundheitsleistungen

Seit fünf Jahren prüft der medizinische Dienst des Spitzenverbands der Krankenkassen, die verschiedenen IGeL-Leistungen für die gesetzlichen Krankenkassen auf ihren Nutzen, anhand der medizinischen Fachliteratur. Heute zog er Zwischenbilanz.

(Foto: dpa)

BerlinOb Messungen des Augeninnendrucks zur Früherkennung eines grünen Stars, Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung oder der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs. In der Arztpraxis bekommt inzwischen jeder zweite Patient individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten, die er aus eigener Tasche bezahlen muss. Der ehemalige Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen Gerd Billen, inzwischen Staatssekretär im Justizministerium, nannte sie einmal durchaus abfällig gemeint „die Haustürgeschäfte“ des niedergelassenen Arztes.

Diese Untersuchungen können schon mal leicht 60 oder auch mehrere hundert Euro kosten. Maßgeblich ist die Gebührenordnung für Privatpatienten. Billen hat wohl nicht ganz Unrecht. Glaubt man dem  IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbands der Krankenkassen (MDS), dann helfen die Extra-Leistungen vor allem finanziell dem Arzt und reißen unnötig Löcher in die Geldbörse der Patienten.

Doch nicht nur von Kassen und dem MDS, sondern auch in der Ärzteschaft werden viele dieser Angebote kritisch gesehen. Dennoch bieten Ärzte ihren Patienten immer häufiger IGeL an. Jeder dritte Versicherte gab 2015 bei einer Umfrage im Auftrag des Wissenschaftlichen Dienstes der AOK (Wido) an, in den vergangenen zwölf Monaten vom Arzt Zusatzleistungen auf eigene Rechnung offeriert bekommen zu haben – eine extreme Steigerung gegenüber 2001. Damals hatte nicht mal jeder zehnte Befragte (8,9 Prozent) ein derartiges Angebot erhalten.

Seit fünf Jahren prüft der medizinische Dienst des Spitzenverbands der Krankenkassen die verschiedenen IGeL-Leistungen für die gesetzlichen Krankenkassen auf ihren Nutzen. Grundlage ist die medizinische Fachliteratur. Nun zog er Zwischenbilanz. Und die sieht für die Ärzte eher finster aus: Von den 45 Leistungen fielen 17 glatt durch.

Bei diesen wird der zu erwartende Schaden für den Patienten höher bewertet als der Nutzen. Bei 15 weiteren Bewertungen kommt das Wissenschaftlerteam zu dem Schluss, dass die Schaden-Nutzen-Bilanz unklar ist. Nur drei der kostenpflichtigen Angebote werden tendenziell positiv bewertet. Keine einzige IGeL-Leistung erhielt die Note positiv. Für den Sport-Check und das ärztliche Attest gibt es gar keine Noten.

Die Bewertung tendenziell positiv gab es für die Akupunktur zur Vorbeugung eines Migräne-Anfalls, die Lichttherapie bei einer Winterdepression und die Stoßwellentherapie bei Schmerzen in den Fersen.  Die Akupunktur schnitt dabei allerdings nur deshalb positiv ab, weil die Wissenschaftler in der Literatur keine Hinweise auf Nebenwirkungen fanden. Sie sahen jedoch auch keine Belege dafür, dass die Akupunktur besser wirkt als die Standardtherapie mit Medikamenten.  Beim Licht gegen Winterpressionen  immerhin sieht der MDS Belege für eine geringe Wirksamkeit.  Auch bei der Stoßwellentherapie wurde ein medizinischer Nutzen bei  geringen Nebenwirkungen festgestellt. 

Zwar ist der Arzt verpflichtet den Patienten ausgiebig zu beraten. Doch das geschieht trotz entsprechender Leitlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung oft nicht. „Aus zahlreichen Zuschriften wissen wir, dass sich viele Patienten mit ihrer Entscheidung über eine IGeL-Leistung alleine gelassen fühlen“, sagt Peter Pick, Geschäftsführer des MDS. So gab nur jeder Vierte bei einer Befragung des IGeL-Monitor an, mit den Informationen zu möglichen Schäden zufrieden zu sein. „Wir wollen mit unserem Monitor dieses Informationsgefälle verringern“, sagt Pick.

Zwei Leistungen schließen nicht nur „tendenziell negativ ab“, sondern können sogar Schäden verursachen. Da ist zum einen der Lungenfunktionstest, bei der mit einem Gerät das Lungenvolumen festgestellt wird und wie schnell jemand ausatmet. Dadurch sollen angeblich Lungenerkrankungen wie Asthma Bronchiale und die obstruktive Lungenerkrankung, auch Raucherlunge genannt, früher erkannt werden können. Tatsächlich fanden die Wissenschaftler keinerlei Hinweise, dass eine beginnende Erkrankung durch den Test zuverlässig diagnostiziert werden kann.

Die sieben Mythen über Antibiotika
Mythos 1: Antibiotika helfen gegen Erkältung
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Antibiotika helfen nur gegen Bakterien. Hingegen stammen Atemwegsinfekte wie eine Halsentzündung, Schnupfen, Husten und Bronchitis meist von Viren. Selbst die Grippe, von der oft gesprochen wird, ist eine Viren-Erkrankung. Bei solchen Erkrankungen helfen of Ruhe, ausreichend zu trinken und rezeptfreie Medikamente wie Paracetamol gegen die Schmerzen und Fieber. Bakterien können aber zu eine Virus-Erkrankrung hinzukommen, was man beispielsweise an eitrigen Mandeln erkennen kann. Schnelltest helfen hier bei der Erkennung des Bakteriums, um ein entsprechendes Antibiotikum einzusetzen.

Quelle: Stiftung Warentest

Mythos 2: Antibiotika machen resistent
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Hier kommt es auf die Formulierung an: Nicht der menschliche Körper reagiert auf Antibiotika resistent, sondern die Bakterien. Resistente Erreger können dann zu schweren Infektionen führen, da bisherige Medikamente nicht mehr helfen. Daher gilt, dass man Antibiotika nicht wahllos, sondern gezielt nehmen soll. Auch Nutztiere erhalten teilweise auch Antibiotika, Fleisch von Nutztieren kann also belastet sein! Und tatsächlich ließen sich resistente Keime in Fleischproben identifizieren. Ein Tipp: Eine gute Küchenhygiene hilft hier, indem die Hände vor und nach der Zubereitung gewaschen werden und Fleisch gut gekocht oder durchgebraten wird.

Mythos 3: Antibiotika gehören in jede Hausapotheke
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Antibiotika werden vom Arzt gezielt je nach Krankheit verschrieben, weswegen sie auch rezeptpflichtig sind. Daher sollen nicht verbrauchte Antibiotika auch nicht aufgehoben oder gar an andere weitergegeben werden. Denn ähnliche Symptome können auf unterschiedliche Erreger zurückzuführen sein. Übriggebliebene Tabletten sollten nicht in den Abfluss oder in die Toilette geworfen werden, denn die Kläranlagen können die Medikamente nicht komplett herausfiltern, so dass die Umwelt verseucht werden könnte. Eine sichere Entsorgung von Medikamenten, die auch alltagstauglich ist, ist der Hausmüll. Wer es noch besser machen möchte, der kann sie bei entsprechenden Schadstoffsammelstellen oder Apotheken abgeben.

Mythos 4: Antibiotika sind gefährliche Arzneien
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Grundsätzlich haben auch Antibiotika Nebenwirkungen, auf die man entsprechend achten sollte. Aber sie sind nicht gefährlicher als andere Medikamente. Zu beachten ist aber, dass durch die Einnahme nicht nur schädliche, sondern auch gute, Bakterien zerstört – wie beispielsweise die „Darmflora“, die sich nach der Einnahme von Antibiotika erst wieder aufbauen muss. Bei Kindern baut sich diese „Darmflora“ erst noch auf, weswegen diese besonders empfindlich sind und bei Übereinnahme kann es zu langfristigen Schäden kommen.

Mythos 5: Antibiotika sind die reinsten Chemiekeulen
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Falsch – die meisten Antibiotika sind natürlichen Ursprungs. Das erste Antibiotikum, Penizillin, stammt aus Schimmelpilzen der Gattung Penicillium. Auch viele andere Antibiotika sind Naturstoffe, die aus Pilzen oder anderen Mikroorganismen gewonnen werden. Allerdings werden heutzutage manche Antibiotika chemisch verändert oder gar komplett synthetisch hergestellt.

Mythos 6: Wer sich wieder besser fühlt, braucht kein Antibiotikum mehr nehmen
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Das Antibiotikum wirkt oft schnell und lindert die Symptome, was aber nicht heißt, dass das Medikament abgesetzt werden kann. Noch lebende Bakterien könnten sich nach der Absetzung wieder vermehren. Gerade resistente Keime sollen durch eine zu kurze oder zu niedrig dosierte Einnahme gestärkt werden.

Mythos 7: Antibiotika soll man nicht mit Milch einnehmen
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Das ist so pauschal nicht zutreffend – stimmt für einige Antibiotika aber in der Tat. Entscheidend sind die Wirkstoffe: Tetrazyklin, Doxyzyklin, Minozyklin oder Ciprofloxazin und Norfloxazin können mit dem Kalzium aus der Milch schwer lösliche Verbindungen eingehen, was die Aufnahme der Mittel ins Blut behindert. Die Medikamente wirken dann schwächer. Vor und nach der Einnahme der Antibiotika sollte daher zwei Stunden auf Milch verzichtet werden – allerdings auch auf Kalziumhaltiges Mineralwasser und Milchprodukte wie Käse, Quark oder Joghurt. Wie man erfährt, welche Besonderheiten bei der Einnahme genau zu beachten sind? Den Beipackzettel lesen! Oder den Arzt fragen – wie gesagt, Antibiotika sollten verschrieben werden.

Zu befürchten seien dagegen Schäden durch Falschdiagnosen und Übertherapie. Ähnliches gilt für das Herz-EKG zur Erkennung einer koronaren Herzkrankheit. „Generell lässt sich sagen“ so Michaele Eickermann, Leiterin des Bereichs evidenzbasierte Medizin beim MDS, „dass solche angeblichen Früherkennungsuntersuchungen bei Patienten zwar sehr beliebt sind, aber am Ende nur eine falsche Sicherheit vortäuschen.“

Hier sei in den vergangenen Jahren ein unübersichtlicher Markt entstanden. Viele Ärzte nutzten den von den  Krankenkassen für Versicherte über 35 alle zwei Jahre bezahlten „Check-Up“, um den Versicherten zusätzliche IGeL-Leistungen anzubieten. Hier sei immer Skepsis angebracht, so Eickermann. Es komme leider immer noch vor, dass Ärzte die Patienten regelrecht unter Druck setzen IGeL-Leistungen zu kaufen. „Das ist nicht hinnehmbar“, so Pick.   

„Cassie“ – Ein Roboter der Menschenleben rettet

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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung reagierte als oberste Vertretung der  Kassenärzte verärgert auf die Kritik an den individuellen Gesundheitsleistungen. „Die Krankenkassen sind hier scheinheilig unterwegs“, sagte der Vorstandschef der KBV Andreas Gassen dem Handelsblatt. „Einerseits verteufeln sie IGeL, andererseits bieten einige Kassen als Satzungsleistung selber Leistungen aus dem IGeL-Katalog an, oder finanzieren bedenkenlos homöopathische Verfahren, für die es überhaupt keinen evidenzbasierten Nachweis gibt“  Das alles werde auch mit Beitragsgeldern finanziert. Zugleich forderte Gassen die Ärzte aber auch auf, sorgfältig mit dem Angebot umzugehen und Patienten nicht zu bedrängen. „Natürlich müssen IGeL-Leistungen dem Patienten so angeboten werden, dass er ausreichend über das Angebot nachdenken kann.“

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  • HERMANN GRÖHE... der größte Dilettant nach DE MAIZIERE u. LEYEN!!!

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