Ingenieur-Mangel
Mangel an Fachkräften steigt eklatant

80 000 Ingenieure fehlen in Deutschland, 18,5 Milliarden Euro Schaden richtet das in der Wirtschaft an. Um die Technikbegeisterung unter Schülern zu fördern, starten die Arbeitgeber eine neue Initiative. Und auch die Bundesregierung sieht Handlungsbedarf.

BERLIN. Der Mangel an technischen Fachkräften weitet sich aus. Die Differenz zwischen offenen Stellen sowie arbeitslosen Ingenieuren und Technikern ist 2007 um satte 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gewachsen. Der Schaden, den die Lücke der deutschen Wirtschaft beschert, beträgt mittlerweile jährlich 18,5 Milliarden Euro. Das erklärte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt gestern in Berlin. Dort startete er eine Initiative, mit der die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) an Schulen und Universitäten für mehr Technikabsolventen werben wollen.

Nach Angaben des Bundesforschungsministeriums gab es im April weniger als 20 000 arbeitslose Ingenieure. Demgegenüber standen 100 000 offene Stellen. Noch vor einem Jahr betrug diese Lücke „nur“ 48 000 Stellen. Dieser Trend wird anhalten. Die Zahl der Jobs, die ein technisches Studium erfordern, steigt. Außerdem gehen mehr Technikexperten in den Ruhestand als Universitäts-Absolventen nachrücken. So ist die Zahl der Ingenieurs-Absolventen im vergangen Jahrzehnt von jährlich 52 000 auf etwa 39 000 gefallen. Das liegt auch daran, dass die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer mittlerweile eine Studienabbrecherquote von 34 Prozent haben – mehr als andere Fachbereiche. „Beim Thema Fachkräftemangel handelt sich nicht um ein konjunkturelles sondern um ein strukturelles Problem“, sagte Hundt.

Deutschland könnte damit international den Anschluss verlieren. Während hierzulande auf 1 000 Beschäftigte zwei Technikabsolventen kommen, sind es in Frankreich, Polen oder Irland jeweils fünf – mehr als doppelt so viele. Dabei sind in Deutschland die naturwissenschaftlich-technischen Branchen wichtiger für die Gesamtwirtschaft.

Die Arbeitgeber wollen mit der Initiative, „Mint – Zukunft schaffen“, vor allem in den starken Abiturjahrgängen zwischen 2010 und 2014, Schüler für die technischen Studiengänge begeistern. Das sind die Jahrgänge, die ihre Abiturschwerpunkte jetzt noch wählen können. „Mint“ steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

In den nächsten Jahren wollen die Arbeitgeber 10 000 Führungskräfte mobilisieren, in Schulen und Universitäten für ihre technischen Berufe zu werben und Jugendlichen als Ratgeber und Vorbild zu helfen. Mint bietet im Internet einen umfangreichen Wegweiser durch technische Berufe und soll bestehende Projekte zur technischen Bildung zusammenfassen. Diese Projekte setzen vor allem darauf, über Informationen und Experimente Interesse zu wecken.

In eine ähnliche Richtung plant der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Er hat sich Mint nicht angeschlossen, sondern startet im Herbst ein eigenes Projekt. Dabei sollen Schulen Hilfe für Technikunterricht bekommen – ein Bereich, der an vielen Einrichtungen derzeit offenbar brach liegt.

Von der Politik fordern die Arbeitgeber ein verpflichtendes zweites Technikfach bis zum Abitur. Auch an den Universitäten müsse sich einiges ändern. „Die Ingenieurs-Bachelorstudiengänge müssen praxisnäher werden“, sagte Telekom-Personalvorstand und Mint-Vorsitzender Thomas Sattelberger.

Auch die Bundesregierung sieht Handlungsbedarf: „Die Universitäten müssen durchlässiger für Menschen aus dem beruflichen Bildungssystem sein“, forderte der Staatssekretär im Forschungsministerium, Andreas Storm. Andernfalls sei die geplante Akademikerquote von 40 Prozent pro Jahrgang unerreichbar.

Mitglieder der Hochschulrektorenkonferenz verlangten dagegen zuletzt, die Unternehmen müssten mehr Stipendienprogramme für Studenten einführen und diese damit finanziell besser unterstützen. Hundt kommentierte das zurückhaltend: „Ein Mehr ist immer besser.“ Die Wirtschaft leiste allerdings auch schon einiges.

Sven Prange
Sven Prange
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