Ingenieurmangel
Wirtschaft braucht dringend Bachelor-Absolventen

In den Unternehmen fehlen zehntausende Ingenieure und Informatiker, Nachwuchs mit kürzeren Studienzeiten könnte die Lücke füllen. Doch die Studenten sind noch misstrauisch gegenüber dem Bachelor, halten ihn nicht für vollwertig. Auf Dauer hilft nur etwas anderes gegen den Mangel.

BERLIN. Stefan Kraft würde gern viel mehr Bachelor-Absolventen einstellen – vor allem Ingenieure. „Unser Ziel ist, 90 Prozent der Akademiker, die wir einstellen, schon nach dem Bachelor-Abschluss zu engagieren“, sagt der Chef-Personalentwickler der bei Continental. Derzeit schließt er nur jeden fünften Vertrag mit einem Bachelor – denn es gibt nicht genug davon.

Die Industrie sucht händeringend Ingenieure – bundesweit sind derzeit nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) rund 100 000 Stellen unbesetzt, dazu kommen rund 43 000 fehlende IT-Fachkräfte. Kurzfristig könnten die Unternehmen zumindest einen Teil der Lücke schließen, wenn sich mehr Ingenieure schon nach dem Bachelor-Abschluss auf den Arbeitsmarkt wagen würden – und nicht noch ein Master-Studium dranhängen. Daher haben rund 40 Personalvorstände führender deutscher Unternehmen unter der Flagge von BDI, BDA und Stifterverband den Aufruf „Bachelor Welcome – MINT-Nachwuchs sichern“ gestartet. MINT steht für Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaft.

„Wir haben lange über die Hochschulausbildung geklagt, sie sei zu lang und praxisfern“, sagt der Präsident des Stifterverbandes, Arend Oetker, zu dessen Konzern die Schwartau-Werke gehören. „Wir unterstützen deshalb den berufsbefähigenden Bachelor-Abschluss – gerade in MINT-Fächern.“ Doch die Studenten sind misstrauisch. Nach einer Studie des Hochschul-Informationssystems (HIS) von 2007 wollen drei Viertel aller Uni-Bachelor im direkten Anschluss einen Master machen. Eine Umfrage der Studentenvertretung Asta an der Uni Hamburg unter 3000 Studenten ergab unlängst, dass es dort sogar 87 Prozent sind.

Das liegt zum einen daran, dass der Bachelor in der Wirtschaft – vor allem im Mittelstand – noch kaum bekannt ist. Zum anderen gilt der Abschluss, der nach sechs bis acht Semestern erreicht wird, vielen noch nicht als vollwertig. In angelsächsischen Ländern sind Bachelor und Master Tradition, bei uns wird das Hochschulsystem im Zuge des Bologna-Prozesses erst seit einigen Jahren auf das zweistufige Studium umgestellt. 2010 soll die Reform vollendet sein, derzeit sind aber erst wenig Bachelor auf dem Markt: 2006 haben gerade mal 1648 Ingenieure einen Bachelor-Abschluss gemacht, 3200 einen Master – zusammen nur 12 Prozent aller Absolventen.

Dass der Bachelor besonders unter Ingenieuren mit Argwohn betrachtet wird, liegt auch an den Universitäten selbst. Vor allem die als „TU9“ firmierenden führenden technischen Hochschulen verabschiedeten sich nur mit Bauchschmerzen vom deutschen „Dipl.-ing“ und propagieren nun den Master als „Regelabschluss“. Das ärgert die Industrie: „Diese Blockaden müssen niedergerissen werden“, fordert Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger, der mit Oetker die „Bachelor-welcome“-Kampagne anführt.

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