Inklusion
„Wir können uns nicht leisten, dieses Potential liegen zu lassen“

Wer mit einer Behinderung lebt, hat es schwer im Arbeitsleben. Denn Menschen mit Behinderung suchen nicht nur deutlich länger nach einem Job, es gibt auch viel mehr Arbeitslose als bei Menschen ohne Behinderung.
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DüsseldorfDie Zahlen sind entmutigend, denn Menschen mit Behinderung haben es im Arbeitsleben weiter schwer: Die Anzahl der Arbeitslosen mit Schwerbehindertenausweis stieg dieses Jahr auf 179.000. Damit wuchs die Zahl um rund 3.000 Personen, sie lag im Vorjahr noch bei 176.040. Zudem suchen Menschen mit Behinderung rund 100 Tage länger nach einem Arbeitsplatz als Menschen ohne Behinderung. Die Arbeitslosenquote ist bei Menschen mit Behinderung mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote. Sie liegt zurzeit bei 14 Prozent.

Die Ergebnisse stammen aus dem aktuellen Inklusionsbarometer Arbeit, dass das Handelsblatt Research Institute im Auftrag der Aktion Mensch erhebt. Inklusion bedeutet wörtlich übersetzt Zugehörigkeit. Mit Inklusion wird die gleichberechtige Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung an der Gesellschaft und der Arbeitswelt bezeichnet. Die Zahlen wurden vergangene Woche auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf vorgestellt.

Das Inklusionsbarometer wurde im vergangenen Jahr ins Leben gerufen. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes, ist trotz der negativen Zahlen für die Zukunft optimistisch. Die Tendenz der demographischen Entwicklung spreche für die Einstellung von Menschen mit Behinderung. Der Wegfall von gut einem Drittel aller Erwerbstätigen in der Zukunft könnte einen positiven Einfluss auf die Einstellung von Menschen mit Behinderung haben, meint Rürup.

Der Gesamtwert des Barometers berechnet sich aus den Zahlen für das Lage-und das Klimabarometer. Mit dem Lagebarometer werden die Daten, unter anderem zur Anzahl der Arbeitslosen mit Behinderung, vom statistischen Bundesamt und den Integrationsämtern ausgewertet. Das Klimabarometer basiert auf Interviews mit Arbeitgebern, sowie Arbeitnehmern mit Behinderung und sammelt so Eindrücke, wie in der Praxis die Inklusion von Menschen mit Behinderung ins Arbeitsleben aussieht.

Das Inklusionsbarometer betrachtet auch regionale Unterschiede bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung ins Arbeitsleben. In Ostdeutschland ist demnach die Lage für Arbeitnehmer mit Behinderung am Besten. Mit 104,5 ist die Region um die neuen Bundesländer und Berlin Spitzenreiter beim Lagebarometer. Beim Klimabarometer ist Nordrhein-Westfalen Spitzenreiter mit einem Wert von 36,3. Damit liegt der Wert aber immer noch unter dem Schwellenwert von 50, ab dem das Inklusionsklima als positiv gilt. In den Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern, die als deutsche Wirtschaftshochburgen gelten, ist die Situation für Arbeitnehmer mit Behinderung besonders schlecht.

Das Barometer wurde ins Leben gerufen, um „Transparenz“ und „Sensibilität“ für das Thema zu schaffen, sagte Armin von Buttlar, Vorsitzender der Aktion Mensch beim Pressegespräch. Für ihn ist die schlechte Situation von Arbeitnehmern mit Behinderung vor allem auf ein „Wissensdefizit“ der Unternehmen und das Fehlen einer „Potentialbetrachtung“ zurückzuführen.

Bert Rürup sieht neben sozialen auch ökonomische Gründe für die Inklusion. Im Hinblick auf die Demographische Entwicklung müsste auch das „Potential von Menschen mit Behinderung“ in die Wirtschaft eingebracht werden. Dort wo die Effekte bereits stärker spürbar sind, wie in Ostdeutschland, sei „aus der Not“ heraus schon mehr für die Inklusion getan worden. Er appelliert ebenso wie von Buttlar an die Unternehmen, das Thema wesentlich ernster zu nehmen. Man könne sich nicht leisten dieses Potential liegen zu lassen, meint Rürup.

Niklas Dopheide
Niklas Dopheide
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

Kommentare zu " Inklusion: „Wir können uns nicht leisten, dieses Potential liegen zu lassen“"

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  • Natürlich ist das Potenzial vorhanden, es wird nur nicht mit geeigneten Mitteln aquiriert.
    Unter Kanzler Dr. Kohl wurde die MdE (Minderung der Erwerbsfähigkeit) in GdB (Grad der Behinderung) umbenannt, damit die Personalchefs solche Personen vermehrt einstellen würden.
    Nun; dann hätte man den Personalchefs gleichzeitig eine "Verdummungspille" verabreichen müssen damit sie nicht erkennen, dass MdE und GdB im Grunde das Gleiche bedeutet.
    Welcher Kleinbetrieb leistet sich z.B. keine "Maus" für den Bildschirmarbeitsplatz, sondern ein Gelenkeschonenderes anderes Bedienungssystem, was natürlich teurer ist. Meist ist noch nicht einmal bekannt, dass dies zuschussfähig ist.
    Da, meine Damen und Herren Politiker, medizinische Systeme wäre reichlich Aufklärung möglich und auch vonnöten.

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