Instinkt-Politiker mit Spielernatur
Porträt: Jürgen W. Möllemann

Jürgen Möllemann hat seine von Höhenflügen und jähen Abstürzen gekennzeichnete Karriere selbst als Achterbahn bezeichnet. Doch so tief wie in der Flugblatt-Affäre war er noch nie gestürzt. Nach der Entscheidung der Düsseldorfer Landtagsfraktion, ihn nicht auszuschließen, macht er sich aber Hoffnungen, dass er dem endgültigen politischen Aus bei den Freidemokraten doch noch einmal entkommen kann.

HB/dpa DÜSSELDORF. Der ehrgeizige Sohn eines Augsburger Polsterermeisters hatte es vom Lehrer bis zum Bundesminister und sogar Vize-Kanzler gebracht. In seiner gut 30-jährigen Laufbahn stellte der Instinkt-Politiker manchem Parteifreund erfolgreich ein Bein - immer wieder aber auch sich selbst.

Der 57 Jahre alte leidenschaftliche Fallschirmspringer trat der FDP 1970 in seiner Wahlheimat Münster bei. Schon zwei Jahre später saß er für die Liberalen im Bundestag. Seine große Chance kam, als 1982 die sozial-liberale Koalition in Bonn zerbrach. Möllemann stützte den Wendekurs von Parteichef und Außenminister Hans-Dietrich Genscher und wurde im Kabinett von Helmut Kohl (CDU) mit dem Posten des Staatsministers im Auswärtigen Amt belohnt.

1987 wurde er Bundesbildungsminister, 1991 Wirtschaftsminister. Bis Anfang 1993 war er acht Monate lang sogar Vizekanzler. Dann folgte der steile Absturz: Im Januar 1993 musste Möllemann nach einer Affäre um ein Werbe-Schreiben für einen Verwandten zurücktreten.

Auf Parteitagen in Bund und Land hagelte es anschließend Niederlagen bei Vorstandswahlen. 1994 setzte ihm sogar der eigene Landesvorstand wegen permanenter Querschüsse gegen den damaligen FDP- Bundeschef Klaus Kinkel den Stuhl vor die Tür.

Nur zwei Jahre später rief die NRW-FDP ihren einzigen Wähler- Magneten aber reumütig zurück an ihre Spitze. Von nun an ging es für den Instinktpolitiker stetig wieder berauf. Bei der Landtagswahl 2000 führte Möllemann die Freidemokraten mit einem spektakulären Ergebnis nahe zehn Prozent zurück in den Landtag.

Im Mai 2001 wurde er beim Düsseldorfer FDP-Bundesparteitag zum Vize-Parteichef gewählt und setzte für den Bundestagswahlkampf seine Strategie mit der Zielmarke 18 Prozent durch. Den Rückwärtsgang legte Möllemann im Frühjahr 2002 wieder einmal selbst ein. Mit einer von ihm ausgelösten Antisemitismus-Debatte führte er seine Partei in eine gefährliche Zerreißprobe.

Mit seinem umstrittenen Wahlkampffaltblatt überspannte Möllemann nach Ansicht von Parteichef Guido Westerwelle den Bogen dann endgültig. Möllemann musste den Vizeposten in der Bundespartei und den Vorsitz im nordrhein-westfälischen Landesverband und der Landtagsfraktion räumen. Mit Ausschlussverfahren will die FDP ihren Quälgeist jetzt endgültig los werden. Ein erster Versuch dazu ist am Dienstag geplatzt.

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