Integration in Deutschland

„Als ob jeder über dich herzieht“

Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, die Anordnung im Supermarkt: Flüchtlinge treffen In Deutschland auf viel Neues. Ein Journalist aus Simbabwe erzählt von seinen Integrationsversuchen – und von einem „Kulturschock“.
Lehrbuch „Deutsch im Alltag“: Ein Migrant erzählt von seiner eigenen Integration in Deutschland. Quelle: dpa
Deutschkurs für Flüchtlinge

Lehrbuch „Deutsch im Alltag“: Ein Migrant erzählt von seiner eigenen Integration in Deutschland.

(Foto: dpa)

BerlinBevor ich nach Deutschland kam, wusste ich alles über das Land nur aus dem Geschichtsunterricht meiner High School. Ich hatte über die Berliner Mauer gelesen und gehört – und es war faszinierend, sie im wirklichen Leben zu sehen. Aber das meiste, was wir zuhause in Simbabwe gelernt hatten, hatte mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun: Militärische Operationen der Nazis wie Operation Seelöwe oder Operation Barbarossa zum Beispiel. Dann wusste ich noch, dass gute Autos in Deutschland gebaut werden und das Land für sein Bier berühmt war.

Aber ausgesucht habe ich mir Deutschland nicht. Ich habe auch Simbabwe nicht freiwillig verlassen. Ich war für einen zweimonatigen Journalismuskurs in Berlin zusammen mit anderen jungen Kollegen aus der ganzen Welt – als ich erfuhr, dass ich nicht nach Simbabwe zurückkehren konnte, weil mein Name auf der schwarzen Liste von Präsident Robert Mugabes Geheimdienst stand wegen meiner kritischen Politikgeschichten gegen sein Regime.

Es liegen Ozeane zwischen der Kultur und dem Lebensstil in Deutschland und den Heimatländern der meisten Flüchtlinge und Einwanderer. Zudem haben viele – so wie ich damals 2007 – nur wenig Kenntnisse über dieses Land. Da ist es nicht einfach, sich schnell anzupassen und die deutsche Sprache zu lernen. Aber ohne das nötige Wissen und Verständnis ist man gefangen in einem Irrgarten aus Dornen.

Ich habe mindestens ein Jahr gebraucht, um den Mut zu finden, mich endlich für meinen ersten Deutschkurs anzumelden. Als ich vor fast einem Jahrzehnt als junger Afrikaner aus Simbabwe in Deutschland landete, versetzten mich meine ersten täglichen Begegnungen in Berlin, dann Hamburg und später Köln in einen Kulturschock jenseits meiner Vorstellungskraft. Umgangsformen, Gesetze, Lebensstil: Alles war so völlig anders. Die Anordnung im Supermarkt, der Umgang mit Müll, die Einstellung zum Alkohol: alles.

Es fühlte sich an wie in einem Kinofilm, aber ich musste diese Verwirrung und Beklemmung bekämpfen, und zwar schnell. Alles um mich herum war schnell, und es ist immer noch schnell, so wie für viele andere auch, die schon seit Jahren in Deutschland sind. Denn die Deutschen sind kulturbeflissene Menschen mit einem exzessiven Interesse an Literatur und Theater, Musik und Kunst. Ohne dies alles zu schätzen – und das meiste gilt als Luxus dort, wo ich herkomme – ist man am Nullpunkt der Integration.

Ohne die nötigen Deutschkenntnisse kann das Leben zur Hölle werden, denn es ist hart, Freunde oder wirkliche Berührungspunkte mit der Mainstream-Gesellschaft zu finden. Viele Flüchtlinge verlieren die Geduld und orientieren sich an den Flüchtlingsgruppen, was gefährlich und nicht zielführend ist. Wenn sich Deutsche ganz unschuldig miteinander unterhalten, fühlt es sich so an, als ob jeder um dich herum über dich herzieht. Du wirst misstrauisch, wo es gar keinen Grund für Misstrauen gibt. Wenn du die Sprache nicht sprichst, wirst du zum Fremden und die Scheu übermannt dich, lässt dich zum Narren werden in Situationen, die ein einfaches deutsches Wort oder ein Satz gerettet hätten.

„Man sollte ihnen nicht jeden Tag Essen geben“
Angekommen
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Vom Bürgerkrieg in die Bürokratie: Wer in Deutschland Asyl beantragt und bleiben will, solle sich integrieren, fordert Thomas de Maizière (CDU). Zusammen mit Arbeitsministern Andrea Nahles (SPD) will der Bundesinnenminister ein Gesetz erarbeiten, das Flüchtlinge zur Integrationsbereitschaft verpflichtet. Nach der Bekanntmachung diskutieren Politiker und Funktionäre über die Frage: Wie fördern – und was fordern? Zehn Zitate in der Integrationsdebatte.

„Es soll einen Zusammenhang geben zwischen dem erfolgreichen Absolvieren von Integration und der Erlaubnis, wie lange man in Deutschland bleiben darf.“
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Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) will einen Verbleib von Flüchtlingen in Deutschland an deren Bereitschaft zur Integration knüpfen. Wer sich weigere, Deutsch zu lernen oder Arbeitsangebote ablehne, könne nicht nach drei Jahren eine unbefristete Niederlassungserlaubnis erhalten, wie es nach der jetzigen Rechtslage noch der Fall sei, sagte de Maizière in einem Interview mit der ARD. Er will Sanktionen für Integrationsverweigerer in einem Gesetz festschreiben.

„Die erfolgreiche Integration von Flüchtlingen erreicht man nicht mit Gesetzesänderungen, zusätzlichen Sanktionen und Wohnsitzauflagen.“
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Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat das Vorhaben des Innenministers kritisiert. Es gebe bereits für das Schwänzen von Integrationskursen „beinharte Sanktionen – von Kürzungen über Bußgelder bis zu Nichtverlängerung der Aufenthaltsgenehmigung“, erklärte DGB-Bundesvorstand Annelie Buntenbach am Sonntag. „Da gibt es nichts zu verschärfen.“

„Bevor der Innenminister nach immer noch härteren Sanktionen ruft, sollte er erst einmal die Integrationsangebote verbessern.“
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Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat de Maizières Pläne kritisiert. In der „Passauer Neuen Presse“ (Dienstagsausgabe) forderte er eine Ausweitung des Angebots an Sprachkursen. „Der Innenminister sollte außerdem dafür sorgen, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gut ausgestattet ist und Asylverfahren beschleunigt werden.“

„Wir werden darauf achten, dass dies mit Augenmaß und Humanität umgesetzt wird.“
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Unterstützung erhält de Maizière vom Linksflügel der SPD. „Eine Wohnsitzauflage für Geflüchtete, die Sozialtransfers beziehen, ist ein geeignetes Instrument, um eine gute Integration in den Städten und Gemeinden zu ermöglichen“, sagte SPD-Vize Ralf Stegner dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Eine Wohnsitzauflage sei auch eine wichtige Forderung der Kommunen. Ein Run, der nur in die großen Städte führe, helfe niemandem. „Wer Arbeit findet, kann natürlich weiter frei dem Job nachziehen“, fügte Stegner hinzu.

„Wir müssen Integration nicht nur fördern, sondern auch fordern.“
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Der Parteivorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel, schließt sich gegenüber der „Bild“-Zeitung ebenfalls der Position des Innenministers an – mit Einschränkungen. Voraussetzung für ein solches Gesetz sei, dass endlich genug Sprach- und Integrationskurse im Angebot seien.

„Da wird davon abgelenkt, dass ein Integrationsgesetz sehr viel mehr sein muss.“
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Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, hat sich zwar grundsätzlich hinter den Plan des Bundesinnenministers gestellt, Flüchtlinge bei der freien Wahl des Wohnsitzes einzuschränken. Für einen befristeten Zeitraum von maximal zwei Jahren könne eine solche Wohnsitzauflage sinnvoll sein, um vor allem Großstädte zu entlasten, sagte die SPD-Politikerin im Deutschlandfunk. Wichtig sei, anerkannte Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen Angebote zu machen. Sie kritisierte, de Maizières Vorschlag konzentriere sich einseitig auf Sanktionen.

Einmal in Berlin habe ich im Supermarkt 30 Minuten lang nach Salz für mein Essen gesucht. Ein Kollege ebenfalls aus Simbabwe und ich hatten schon eine Woche lang Fleisch ohne Salz gegessen, weil wir nicht wussten, wie es auf Deutsch hieß. Und dann war die Produktanordnung in deutschen Supermärkten so speziell. Es ist ja nicht so, dass man dort, wo man Brot findet, auch Margarine oder Butter findet. Oder dass dort, wo das Fleisch liegt, auch die dazu passenden Gemüse und Früchte zu finden sind.

Allein die Sprache zu lernen, ist eine immense Anstrengung. Die Entschlossenheit dazu ist wichtig – dann lehrt das tägliche Leben. Und das Fernsehen. Kinderprogramme haben mir sehr geholfen. Und eine ehemalige Nachbarin aus Polen gab mir den wertvollen Rat, viel mit Kindern zu sprechen, denn von ihnen lernst du schnell viel, ohne dass dir deine Fehler peinlich sind. Auch eine Freundin aus Simbabwe, die als Teenager mit ihrem Vater – einem Fußballspieler – nach Deutschland gekommen war und ihr Sohn halfen mir in dieser Zeit.

„Es sind die vielen kleinen kulturellen Unterschiede“
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