Integration
Islamunterricht im Versuchsstadium

Der Bundespräsident gab die Marschrichtung vor: „Ich halte es für überfällig, dass in unseren Schulen den Kindern muslimischen Glaubens von gut ausgebildeten Lehrern und in deutscher Sprache Islamunterricht angeboten wird“, sagte Horst Köhler erst vergangene Woche in seiner Berliner Rede.

BERLIN. Das ist leichter gesagt als getan. Die Länder sind bisher regelmäßig daran gescheitert, dass der Islam – anders als christliche Kirchen – keine Einheitskirche hat und der deutsche Staat somit keinen Ansprechpartner, der eine Mehrheit der Muslime vertreten könnte.

Das Grundgesetz jedoch verlangt in Artikel 7, dass Religionsunterricht als ordentliches Schulfach nach den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft erteilt wird. Die verschiedenen islamischen Organisationen sind sich jedoch uneins, wie der Unterricht zu gestalten ist – den einen ist er zu fromm, den anderen zu weltlich. Hier könnte die Islam-Konferenz im besten Fall eine Annäherung bringen.

Bislang haben viele Länder ihren muslimischen Schülern „Islamkunde“ angeboten, die jedoch nicht an ein religiöses Bekenntnis gebunden ist. Ein Teil der Kinder besucht Koranschulen, die im Zweifel Islamismus predigen. Daher haben diverse Länder neuerdings Modellversuche für echten islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache gestartet. Ziel ist zugleich, muslimische Kinder besser zu integrieren. Fast immer gilt: Der Unterricht läuft unter Regie des Landes, das die Lehrer anstellt. Parallel dazu werden an den Universitäten die ersten Lehramtsstudiengänge für Islam eingerichtet.

Wie kompliziert jedoch die Einigung auf die Inhalte ist, zeigt das Beispiel Niedersachsen. Dort bat die Landesregierung diverse islamische Organisationen an einen runden Tisch. Am Ende waren Sunniten und Schiiten mit dem Lehrplan einverstanden, die Aleviten distanzierten sich und stellen ihren Mitgliedern nun frei, ob deren Kinder den Islamunterricht besuchen. Mittlerweile besuchen diesen mehr als 1 000 Schüler an 21 Grundschulen.

Bayerische Volksschulen bieten seit 20 Jahren „Religiöse Unterweisung türkischer Schüler muslimischen Glaubens in türkischer Sprache“ an, für die Lehrer in Ankara ausgewählt wurden. Doch seit vermehrt nichttürkische Muslime in Deutschland leben und die Integration als ungelöstes Problem gesehen wird, hat der Freistaat 2003 einen Modellversuch „Islamunterricht“ in Erlangen gestartet. In Baden-Württemberg gibt es mit dem neuen Schuljahr erstmals islamischen Religionsunterricht. Die auf vier Jahre angelegte Versuchsphase startet an zwölf Grundschulen mit insgesamt 235 Kindern. Der Islam sunnitischer Prägung wird an zehn, die alevitische Richtung an zwei Orten vermittelt.

Nordrhein-Westfalen plant Modellversuche in Duisburg und Köln, die Gespräche mit den örtlichen Moscheegemeinden über die Inhalte laufen aber noch. Schleswig-Holstein will 2007/08 Islamunterricht an acht Schulen einführen. Einen Sonderfall stellt Berlin dar, wo Religionsunterricht generell als „nicht ordentliches Fach“ in der Verantwortung der Religionsgemeinschaften liegt. Der Einfluss des Schulsenators ist entsprechend gering. Nach langem Rechtsstreit konnte die Islamische Föderation eigenen Unterricht durchsetzen. Allerdings kann sie derzeit nur etwa 4 200 der rund 30 000 muslimischen Schüler erreichen, weil sie nicht genug ausgebildete Lehrer hat.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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