Integrationsdebatte
Sarrazin offenbart Versäumnisse der Politik

Die Empörungsgesellschaft liebt den schlechten Stil. Ein grobschlächtiger Polterer wie Berlins Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) kommt ihr da gerade recht. Kein Wunder also, dass die polemische Migranten-Kritik des Bundesbankers eine solch heftige Debatte ausgelöst hat.
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BERLIN. Der geübte Polemiker und jetzige Bundesbank-Vorstand hat einer staunenden, nicht nur deutschen Öffentlichkeit ein bizarres Bild der Hauptstadt offeriert: Berlins Araber und Türken wollen sich nicht integrieren, beuten den Sozialstaat aus, lernen kein Deutsch und sind höchstens eine Bereicherung für den Obst- und Gemüsebasar. Was wollen wir also mit Leuten, die uns nur auf der Tasche liegen, hieß seine Botschaft in einem Interview.

Die Empörungsgesellschaft liebt unliebsame Fakten nicht. Dabei aber sind die wirklich empörenswert. Denn insbesondere türkische Migranten in Berlin weisen in puncto Bildung, Beschäftigung, Gleichberechtigung von Frauen und vor allem Sprachvermögen eklatante Rückstände auf, die es ihnen verwehren, sich zu integrieren, und die ihren Kindern eklatante Hürden für deren Integration aufbauen. Zuletzt haben zwei großangelegte Studien die zahlreichen Integrationsdefizite offengelegt. Im Januar dieses Jahres stellten sowohl der DIW als auch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gravierende Integrationsprobleme fest. Während nur zwei Prozent der Deutschen ohne Schulabschluss ins Leben starten, sind es bei Migranten 18 und bei Türken 37 Prozent. 31 Prozent der Deutschen haben einen Uni-Abschluss, 39 Prozent der Migranten, aber nur 17 Prozent der Türken. 16 Prozent der Deutschen sind erwerbslos, doch über 40 Prozent der Türken.

Hinter Sarrazins grobem Stil lauert deshalb eine brisante Message: In Berlin, der Hauptstadt der sozialstaatlichen Transferleistungen, verweigert sich ein „bedeutender Teil der Migranten besonders aus der Türkei der Integration“, so das Berlin-Institut. Fazit: „Die Integration türkischer Zuwanderer ist gescheitert.“ Das hat Folgen: Jeder zweite Türke ist arbeitslos.



Über 2,8 Millionen Türken leben in Deutschland – die Hälfte hier geboren –, und seit Jahrzehnten stellen Untersuchungen immer wieder fest: „Viele Türken zeigen kaum Bereitschaft, sich einzugliedern.“ Das Desinteresse hängt mit der Herkunft aus rückständigen Gebieten der Ost-Türkei zusammen, viel auch mit einer Art perspektivischer Selbstverstümmelung: Viele wollten nur kurze Zeit hierbleiben, Geld verdienen und wieder in die Heimat zurück – blieben aber.

Eine unaufgeklärte Mentalität, ein sozialstaatliches Überangebot und eine unkluge Ausländerpolitik haben zu prekären Zuständen geführt. „90 Prozent aller jungen Migranten sind bei uns ohne weitere Qualifizierung nach der Schule nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar“, sieht Heinz Buschkowsky (SPD), der leidgeprüfte Bürgermeister des Berliner Problem-Bezirks Neukölln.

Deutschland gilt bei international erfahrenen Forschern als schwieriges Migrationsland, in dem der vernunftgesteuerte Wille der Politik und der Bevölkerung zur Integration brachliegt. Lange Zeit hat Deutschland sich nicht als Einwanderungsland begriffen und den Umgang mit vernünftigen Steuerungsinstrumenten verpasst. Als da wären: Ein Punktesystem, das gewollte von ungewollter Einwanderung trennt, weit rigidere Sprachtests vor und nach dem Zuzug, bessere Sprachvermittlung und kürzere Einbürgerungsfristen.

Solche Rezepte kursieren seit Jahren, ebenso die düsteren Bestandsaufnahmen, wie sie Sarrazin ungeschlacht vornahm. So bemängelte Barbara John, Ex-Ausländerbeauftragte Berlins schon im Jahre 2000, dass Einwanderer „nicht gezwungen sind, sich eindeutig für ihre neue Heimat zu entscheiden“. Man darf gespannt sein, wie es die Politik jetzt mit einer großen Versprechung hält: Nach einer Vereinbarung der Länder sollen „spätestens bis 2010 flächendeckend“ die Sprachkenntnisse der Ausländerkinder vor der Einschulung getestet werden und bis 2012 eine Sprachförderung garantiert sein.“

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