Internationale Pressestimmen: „Eine unfassbare Dummheit“

Internationale Pressestimmen
„Eine unfassbare Dummheit“

Die internationale Presse ist sich in der Affäre um Christian Wulff einig: Das Schicksal des Präsidenten liege in den Händen von Angela Merkel. Aus Österreich werden Forderungen nach einer Verfassungsänderung laut.
  • 2

Genf/Paris/Wien/Amsterdam/SofiaDie „Neue Zürcher Zeitung“ aus der Schweiz kommentiert die Affäre um Bundespräsident Christian Wulff: „Ein Präsident, der die unfassbare Dummheit begeht, angesichts einer drohenden Blamage wie Rumpelstilzchen zu toben und seine Suada auch noch auf einer Mailbox zu hinterlassen, verströmt nicht die Würde, die das Amt erfordert. Und wenn er sich darüber beklagt, dass seine Auslassungen publik werden, klingt das schal.“ Die Bundeskanzlerin Merkel wolle wohl, pragmatisch wie immer, abklären, ob der Koalition ein Verbleiben Wulffs im Amt größeres Ungemach bereite als seine zügige Ersetzung durch einen Kandidaten mit mehr Statur. Zu welchem Resultat sie kommen werde, sei nicht etwa ausgemachte Sache. „Namhafte Politologen weisen darauf hin, dass sich Wulff mit einer zweiten persönlichen Erklärung durchaus im Amt halten könnte. Die politische Klasse lechzt nicht gerade nach einer Neuwahl, und die Masse mag das Staatsoberhaupt noch immer. Das alles wird Merkel, deren Stimme großes Gewicht hat, berücksichtigen.“

Die französische Tageszeitung „Le Figaro“ sieht Wulff zunehmend isoliert: „Das Jahr 2012 beginnt für den deutschen Bundespräsidenten so schlecht wie das Jahr 2011 aufgehört hat. Christian Wulff scheint so isoliert zu sein wie nie zuvor.“ Die Enthüllungen über seine direkte Einflussnahme (auf die Presse) seien so verfänglich, weil er in seinem dem Wesen nach ehrenamtlichen Amt eigentlich eine moralische Autorität im Land verkörpern solle. Die Medienwelt, allen voran die konservative Presse, strafe Wulff mit herber Kritik. „Die sozialdemokratische Opposition fordert nun seinen Rücktritt, während die Konservativen und Liberalen Erklärungen verlangen. Wulffs Schicksal liegt in den Händen von Angela Merkel.“

Eine andere Meinung in Frankreich vertritt „Le Monde“. Das Pariser Blatt nennt vor allem parteipolitische Überlegungen als Grund für das bisher harmlose Vorgehen der Opposition : „Offiziell wollen die Sozialdemokraten vermeiden, dass zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren ein Staatspräsident sein Amt aufgibt. Die Realität ist vielleicht viel prosaischer. Die Abgeordneten haben Wulff 2010 für fünf Jahre gewählt. Da die SPD auf einen Wahlsieg 2013 hofft, hat sie kein Interesse an einer vorgezogenen Wahl für einen neuen konservativen Präsidenten, der im Prinzip bis 2017 amtieren könnte.“

Seite 1:

„Eine unfassbare Dummheit“

Seite 2:

Österreicher fordern neues Wahlrecht

Kommentare zu " Internationale Pressestimmen: „Eine unfassbare Dummheit“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ein Budespräsident und sein Todesurteil


    Wer profitiert eigentlich von diesen Ereignissen, die nun ach so urplötzlich "aufgedeckt" werden?

    #### Wollte der Bundespräsident die ESM-Gesetze
    #### stoppen?

    Die mediale Jagd auf unseren Bundespräsidenten erreicht in diesen Tagen einen Höhepunkt. Nun beteiligen sich auch Medien daran, die sich bisher eher zurückhaltend und abwägend geäußert haben. Die veröffentlichte Meinung signalisiert eindeutig: Es gibt keine Alternative mehr zu einem Rücktritt. Keine Frage, Christian Wulff ist bisher alles andere als ein starker Präsident. Aber unabhängig davon, wie man seine Verfehlungen einschätzt, sollte sich der kritische Beobachter an dieser Stelle fragen: Cui bono? Wer profitiert eigentlich von diesen Ereignissen, die nun ach so urplötzlich "aufgedeckt" werden? Wer könnte ein Interesse daran haben, Wulff abzusägen oder zumindest massiv in die Defensive zu drängen?
    Drehen wir die Zeit gut vier Monate zurück: Am 24. August 2011 hält Christian Wulff in Lindau auf einem Treffen von Nobelpreisträgern seine vielleicht bemerkenswerteste Rede als Bundespräsident. Für die meisten völlig überraschend kritisiert er den Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB und die Rettungsaktionen der europäischen Politiker: "Wer heute die Folgen geplatzter Spekulationsblasen allein mit Geld und Garantien zu mildern versucht, verschiebt die Lasten zur jungen Generation und erschwert ihr die Zukunft. All diejenigen, die das propagieren, handeln nach dem Motto: Nach mir die Sintflut." Eine schallende Ohrfeige für Angela Merkel und die Riege der Befürworter von Rettungsschirmen und Transferunion. Mit schönem Gruß aus Schloss Bellevue.


  • Klar ist Wulff Präsident von Merkels Gnaden, geliebt wurde der vom Volk nie! Umso mehr muss Merkel aufpassen, dass sie in dieser Geschichte nicht selbst zu Schaden kommt: Sollte sie zu lange die schützende Hand über ihn halten, würde man ihr den Vorwurf machen, einen evtl. mit dem Gesetz in Konflikt geratenen Präsidenten zu decken und sich dadurch selbst beflecken...
    Wenn selbst die Springer-Presse von diesem Mann abrückt, könnte unermesslich politischer Schaden angerichtet werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%