Interview
"Auf drohenden Mangel hinweisen"

Das Handelsblatt spricht mit Jörg-Andreas Rüggeberg, Chef der Gemeinschaft fachärztlicher Berufsverbände, über den aktuellen Ärzteprotest.

VIER FRAGEN AN: JÖRG-ANDREAS RÜGGEBERG

Herr Rüggeberg, 40 Ärzteverbände haben der Politik den Krieg erklärt, warum?

Wir haben der Politik nicht den Krieg erklärt. Wir wollen durch unsere Streiks nur darauf aufmerksam machen, wie die Mangelversorgung aussieht, die im deutschen Gesundheitssystem droht, wenn die reine Kostendämpfungspolitik der vergangenen Jahrzehnte weiter fortgesetzt wird.

Sie protestieren auch für eine bessere Bezahlung.

Wir wollen mit dem Tag der Ärzte tatsächlich darauf aufmerksam machen, dass das Geld, dass uns die Krankenkassen zur Verfügung stellen, nicht mehr ausreicht, um die Nachfrage der Versicherten nach ärztlichen Leistungen in der erforderlichen Qualität zu befriedigen. Das gilt übrigens nicht nur für die ambulante ärztliche Versorgung. Das gilt auch für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Im Durchschnitt muss jeder Arzt heute schon ein Drittel seiner Leistungen ohne jede Vergütung erbringen, weil das ihm zugebilligte Budget erschöpft ist.

Müsste sich Ihr Protest nicht eher gegen Ihre eigene Standesorganisationen, die kassenärztlichen Vereinigungen richten? Sie verteilen die Honorare an die Mediziner. Die Kassen überweisen doch nur ein Gesamthonorar, das jährlich steigt.

So einfach ist das nicht. Als wir vor über 20 Jahren zugestimmt haben, das ärztliche Gesamthonorar an die Entwicklung der Löhne der Versicherten zu binden, konnte man nicht voraussehen, dass die Arbeitslosigkeit so stark steigen und die Löhne irgendwann stagnieren würden. Im Rückblick war das eine falsche Entscheidung.

Was muss Ihrer Ansicht nach in Zukunft passieren?

Die Finanzierung der Krankenkassen muss von der Lohnentwicklung abgekoppelt werden. Unter dem Strich muss das Gesundheitssystem finanziell besser ausgestattet werden. Dies könnte dadurch erreicht werden, dass der Versicherte in Zukunft für seinen Versicherungsbeitrag nur noch einen Mindestschutz mit unbedingt notwendigen Leistungen erhält. Will er eine bessere Versorgung, muss er die aus der eigenen Tasche oder über eine Zusatzversicherung finanzieren.

Die Fragen stellte Peter Thelen.

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