Interview
„Die Hochschulen brauchen langfristige Perspektiven“

Die Forschung an deutschen Hochschulen wird neu geordnet: Bundesbildungsministerin Annette Schavan will, dass Unis und freie Institute ihre Kräfte bündeln. Dabei sollen nicht nur einzelne Standorte profitieren.
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Handelsblatt: Frau Schavan, die Regierung will die Verfassung ändern, damit Bund und Länder in der Wissenschaft enger kooperieren können. Warum müssen Sie bei den Hochschulen mitmischen?

Annette Schavan: Bund und Länder haben in den letzten Jahren so viel kooperiert wie nie zuvor - bei der Schaffung von Studienplätzen, bei dem Qualitätspakt Lehre und in der Exzellenzinitiative. Wenn wir diese Erfolge auf Dauer sichern wollen, muss das Grundgesetz geändert werden. Die Hochschulen brauchen nicht immer mehr zeitlich befristete Projekte, sie brauchen langfristige Perspektiven. Das ist auch nötig, wenn unser Wissenschaftssystem dauerhaft international erfolgreich sein soll.

Es herrscht große Unsicherheit, was Sie genau planen. Bundesuniversitäten? Die Übernahme ganzer Einrichtungen?

Definitiv nein. Es geht nicht um ein Übernahmeangebot. Es bringt weder der Forschung noch den Studenten etwas, wenn nur der Träger wechselt. Es muss auch finanziell einen Mehrwert geben. Das bedeutet: Die Länder müssen an Bord bleiben. Die Exzellenzinitiative zeigt, wie Kooperationen bis hin zu Fusionen positiv wirken. Wie beim Karlsruher Institut für Technologie, das 2009 aus dem Zusammenschluss der Universität und des Forschungszentrums Karlsruhe entstanden ist.

Aber 2017 läuft die Exzellenzinitiative - der Forschungswettbewerb für die Unis - aus, der Bund kann dann nicht länger Milliarden zuschießen.

Deshalb ist jetzt die Zeit zu überlegen, wie die Architektur des deutschen Wissenschaftssystems in zehn Jahren aussehen soll. Deutschland ist als Wissenschaftsstandort attraktiver geworden. Das ist gut. Jetzt müssen die Weichen so gestellt werden, dass nicht nur wenige Standorte profitieren, sondern der Forschungsstandort Deutschland insgesamt gewinnt - und die Studierenden das spüren.

In Berlin schaffen Sie ein zweites Modell nach dem Vorbild des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT): Dort sollen Charité und ein weiteres Helmholtz-Zentrum, das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, fusionieren. Kritiker sagen, Sie picken sich die Rosinen heraus, schaffen Leuchttürme nach Gutsherrenart.

Das stimmt nicht. An beiden Orten kam die Idee aus der Wissenschaft. Nur so kann es gehen. Wir brauchen wissenschaftsgetriebene Impulse, die vor Ort erarbeitet werden. Dann erst kommt die Politik ins Spiel.

Derzeit werden über die Exzellenzinitiative in fünf Jahren 2,7 Milliarden Euro relativ breit auf die Unis verteilt. Fließt Geld künftig nur noch an Top-Adressen?

Nein, davon gehe ich nicht aus. Es geht um die Stärkung der Hochschulen insgesamt. Sie sind das Herzstück des Wissenschaftssystems. Der Wissenschaftsrat wird 2013 eine Stellungnahme dazu vorlegen. Eine Grundgesetzänderung würde mehr Möglichkeit zur Kooperation schaffen, als es je gab.

Also könnte sich eine Uni auch eng mit einem Max-Planck-Institut oder einem Fraunhofer-Institut zusammentun?

Ja. Mir ist wichtig, dass nicht immer mehr interessante Institute aus Hochschulen abwandern. Der Weg muss umgekehrt laufen.

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  • Ach Frau Schawan, auch schon in die Jahre gekommen so wie ihre Bildungspolitische Arbeit.
    Hoffentlich das letzte Mal in einer Regierung.
    Es ist sehr dürftig das Ergebnis ihrer Arbeit seit Jahren um nicht zu sagen, eher ist es so, dass sich der Bildungsnotstand im Lande noch verstärkt hat.
    Das hat wohl auch etwas mit "Können und wirklich Wollen" zu tun.

    Wie heißt es doch so schön:
    "Mit dummen Menschen lässt sich die Welt leichter um treiben."

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