Interview
Huber sperrt sich gegen Eingriffe in Tarifautonomie

Für die im Dezember beginnende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie stellt IG Metall-Vize Berthold Huber eine maßvolle Lohnforderung in Aussicht. Die Gewerkschaft sei aber nicht bereit, zusammen mit den Arbeitgebern den von Kanzler Schröder geforderten Vorschlag zur Änderung des Tarifsystems vorzulegen.

Der IG-Metall-Kongress fällt in eine entscheidende politische Reformwoche. Welche Botschaft geben Sie der Koalition auf den Weg?

Reformen sind notwendig. Aber das was jetzt geplant ist, ist nicht sozial ausgewogen. Vermutlich ist es vertane Liebesmüh’ – aber wir können nur an alle Beteiligten appellieren, sich das noch einmal zu überlegen. Wir werden unsere Alternativvorschläge noch konkreter und intensiver diskutieren müssen – nicht nur mit der Regierung, sondern mit allen Parteien und Meinungsträgern. Ganz entscheidend wird sein, dass nun nicht auch noch die von der Opposition geforderten Eingriffe in die Tarifautonomie Objekt politischer Tauschgeschäfte werden.

Der Kanzler will, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsame Vorschläge zur Änderung des Tarifsystems machen. Steht die IG Metall für so etwas zur Verfügung?

Ich sehe nicht, was eine solche Initiative bringen soll – zumal es offensichtlich bei den Arbeitgebern sehr unterschiedliche Ansichten dazu gibt. Außerdem haben wir nun wirklich bereits in den vergangenen Jahren Entscheidendes in unseren Tarifverträgen verändert. Ich nenne nur den Vertrag zur Beschäftigungssicherung, der Lohnreduzierung verknüpft mit Arbeitszeitverkürzung erlaubt. Es gibt keinen Grund, unser heutiges System der Tarifautonomie zu ändern. Lieber sollten wir uns auf die Tarifverhandlungen konzentrieren, die unmittelbar vor uns stehen. Die bieten viel Gelegenheit, konkrete Justierungen vorzunehmen.

Sie wollen den Ansatz einer „zweistufigen“ Tarifrunde mit betriebsbezogener Entgeltkomponente bereits in diesem Jahr forcieren?

Genau genommen haben wir schon 2002 einen zweistufigen Vertrag gemacht: Mit dem neuen Entgeltrahmenabkommen – der Einführung einheitlicher Entgeltstrukturen für Arbeiter und Angestellte – haben wir neben der prozentualen Erhöhung eine Tarifkomponente eingeführt, die nach betriebsspezifischen Belangen umverteilt wird. Und aus der Tarifrunde 2002 ergibt sich, dass wir nun erneut ein Tarifvolumen von 1,39 % für eine solche Komponente vorsehen müssen.

Ist „Zweistufigkeit“ dann ein Modell, auf das Sie aufbauen werden?

Ganz offen: Das ist in der IG Metall noch nicht abschließend geklärt. Es gibt natürlich Sorgen gerade in kleineren Betrieben. Die Kollegen sehen sich in einer schwachen Position, falls sie mit ihrem Chef über eine begrenzte Entgeltkomponente direkt sprechen sollen. Trotzdem bin ich überzeugt: Wir brauchen tarifpolitisch eine Antwort auf die wachsende Ausdifferenzierung der wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur zwischen Branchen, sondern auch in den Branchen. Wir müssen den Flächentarif sichern.

Die neue Tarifrunde soll schon im Dezember starten. Was wird denn die Forderung sein?

Noch steht die Diskussion am Anfang – und die ökonomischen Daten für 2004 sind noch ziemlich unsicher. Maßstab sind jedenfalls der erwartete gesamtwirtschaftliche Produktivitätsfortschritt und die Inflationsrate, was nach heutiger Datenlage zusammen wohl Größenordnungen von bis zu 3,5 % entspricht.

Vor der Tarifrunde 2002 reichten die Forderungswünsche in einigen Regionen bis 10 Prozent . . .

Zwar habe ich noch kein genaues Meinungsbild, was die Erwartungen betrifft. Aber auch die Kollegen in den Betrieben spüren natürlich, dass die wirtschaftliche Lage nicht glänzend ist. Mit der damaligen Debatte ist die Stimmung in der IG Metall heute sicher nicht vergleichbar.

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