Interview in ARD und ZDF
Ein Präsident kämpft um sein Amt

Der Bundespräsident bricht sein Schweigen. Im Interview zur besten Sendezeit will Wulff alle Fragen zur Kredit-Affäre beantworten, die während seines Urlaubs neu aufgelaufen sind. Vielleicht seine letzte Chance.
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Eines war an diesem Mittwoch in Berlin ganz schnell klar: Dies wird nicht der Tag des Rücktritts von Bundespräsident Christian Wulff. Der Mann kämpft um sein Amt, trotz des Gegenwinds auch aus der schwarz-gelben Koalition. Aber ein normaler Arbeitsbeginn nach den Weihnachtsferien konnte es für Wulff eben auch nicht sein, obwohl er dies gehofft haben mag. Am Ende wurde daraus ein Tag, wie ihn die Hauptstadt noch nicht erlebt hat. Über ARD und ZDF wendet sich das schwer angeschlagene Staatsoberhaupt direkt an die Bürger. Es ist seine vermutlich letzte Chance.

Irgendetwas musste passieren, der Druck auf Wulff wegen seines Drohanrufs bei der „Bild“-Zeitung und der vorangegangenen Kreditaffäre wuchs von Stunde zu Stunde. Wulff musste sich erklären, aber wie? Eine Wiederholung des knappen Auftritts vom 22. Dezember, als er wenige Minuten im Schloss Bellevue vor die Kameras trat, war undenkbar. Am Ende wählte Wulff für seinen Rettungsversuch ein ziemlich großes Format: ARD und ZDF zur besten Sendezeit - „Rette die Million“ mit Jörg Pilawa musste ebenso verschoben werden wie „Die lange Welle hinterm Kiel“ in der ARD.

Nach den letzten Berichten über Wulffs Versuche, Medien und Journalisten einzuschüchtern, wurde die Luft für ihn immer dünner. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatte ein Staatsoberhaupt eine derart verheerende Presse. Auch konservative Blätter legten am Dienstag noch einmal nach. Dazu kamen Hohn und Spott im Netz. Fast überraschend, dass nach einer neuen Umfrage nur 46 Prozent der Wähler den Rücktritt Wulffs forderten - ebenso viele wollten ihn im Amt behalten.

Irgendetwas musste geschehen - das wusste auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die dennoch erst einmal auf Tauchstation blieb und ihren Vize-Regierungssprecher Georg Streiter vorschickte. Der war seltsam unverbindlich. Die Kanzlerin habe weiter „volles Vertrauen“ in Wulff, sie schätze seine Arbeit außerordentlich. Nein, sie habe Wulff nicht ausdrücklich zu einer Stellungnahme aufgefordert. Nein, die Würde des Amtes sei trotz der Vorwürfe gewahrt. Aber es sei natürlich sinnvoll, wenn der Präsident in der Öffentlichkeit noch einmal Stellung dazu nähme, sagte Streiter kurz nach 12.00 Uhr.

Damit nun ja nicht der Eindruck entstehen konnte, der Bundespräsident folge den Weisungen der Kanzlerin, kündigte das Präsidialamt eine halbe Stunde vorher den Auftritt bei ARD und ZDF an. Abgesehen von Sommerinterviews oder Weihnachtsansprachen gibt es für einen solchen Krisen-Auftritt kaum Beispiele. Ex-Kanzler Helmut Kohl wandte sich im Dezember 1999 auf dem Höhepunkt der CDU-Spendenaffäre an das ganz große Publikum: „Was nun, Herr Kohl?“, hieß es im ZDF.

Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten, die Hauptstadt- Studioleiter von ARD und ZDF, hatten nicht viel Zeit. „Was nun, Herr Wulff?“ - 15 Minuten waren für das Stück vorgesehen, mit dem der Bundespräsident einen Befreiungsschlag versuchen wollte. „Live on Tape“, also ungeschnitten, wird das Gespräch um 18 Uhr aufgezeichnet. Die professionellen Beobachter, die Medien, die Bürger standen bereit, ihr Urteil abzugeben.

Der Kommunikationsberater Michael Spreng wollte so lange nicht warten. Er kritisierte das Vorgehen Wulff schon vorab. Sein Interview könne nur der Anfang sein, um Glaubwürdigkeit und Autorität zurückzuerobern, sagte Spreng. „Das kann nur ein erster Reparaturversuch sein. Das ist aus meiner Sicht nicht der endgültige Befreiungsschlag.“ Der Medienberater äußerte Zweifel, dass in rund 15 Minuten alle Fragen erschöpfend beantwortet werden können.

Geschickter wäre es nach Ansicht Sprengs gewesen, wenn sich Wulff den Journalisten bei einer Pressekonferenz gestellt hätte. „Wenn schon, denn schon. Er hat ja nicht mehr viel zu verlieren, sondern kann nur gewinnen“, sagte Spreng. Dazu gehöre, dass der Bundespräsident alles erschöpfend aufkläre.

Eine Kritik, der sich viele Medienvertreter anschlossen, denen die privilegierte Behandlung von ARD und ZDF nicht gefällt. Der Präsident sollte sich den Fragen aller Journalisten der Hauptstadtmedien stellen,
erklärte der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken. Nur so könne er glaubhaft den Dissens zwischen seinen öffentlichen Bekenntnissen zur Pressefreiheit und seinen Interventionen gegen unliebsame Berichterstattung aufklären.

Konken verwies darauf, dass von der Einflussnahme Wulffs auf die Berichterstattung nach jetzigem Kenntnisstand ausschließlich die Tagespresse betroffen gewesen sei. Dass sich der Bundespräsident überhaupt äußern wolle, sei aber ein Schritt in die richtige Richtung. Auch die private Konkurrenz von ARD und ZDF protestierte gegen das Exklusivinterview der beiden öffentlich-rechtlichen Sender. Wulffs Entscheidung, dieses Interview alleinig zwei öffentlich-rechtlichen Sendern zu geben, stelle eine enorme Benachteiligung für die privaten Sender dar, erklärte der Chefredakteur des Nachrichtensenders n-tv, Volker Wasmuth.

Die Bundeskanzlerin wollte sich am Abend nicht äußern, ließ sie schon einmal wissen. Am Donnerstag wird vielleicht auch Merkel eine Entscheidung fällen.

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  • Eigentlich wollte ich ja etwas zu Wulff, der Schlagzeilenorientierung und dem vergessenen Privatleben auch eines Politikers kommentieren. Vielleicht sogar zu den Journalisten, die im Glashaus sitzend mit Steinen werfen. Wenn ich aber einige Kommentare hier lese, dann glaube ich komme ich in meinem Niveau nicht so tief, selbst wenn ich mich anstrenge. Also lasse ich es.

  • Respekt an Herr Wulff, dass er den Mut hatte, dann doch für seine Ehre zu kämpfen.

    Wo kommen wir denn hin, wenn die Medienmacht der "beschnittenen" Glaubensbrüder / Murdoch- SUB/ anfangen zu bestimmen, wer als Bundespräsident dieses hohge Amt bekleidet.

  • Obwohl Herr Wulff über eine ausreichende Körpergröße verfügt, ist er doch kein Mann sondern nur ein Männchen. Das Image des idealen "Schwiegersohns", das ihm verpasst wurde, ist kein Zufall sondern es ist passgerecht, deshalb hielt man es auch für "authentisch" und insofern angebracht.
    Von geistiger Schärfe und ethischer Stärke ist in der Tat bei Herrn Wulff nichts zu entdecken und auszumachen.
    So gesehen ist Herr Wulff ein genaues Abbild des durchschnittlichen Durchschnitts in diesem Staatsgebilde.

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