Interview mit August-Wilhelm Scheer
„Mitgestalten verhindert Misstrauen“

Im Internet liege die große Chance, die Bürger wieder für Politik zu interessieren, sagt der Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), August-Wilhelm Scheer. Doch die digitale Bürgerbeteiligung steckt noch in den Kinderschuhen. Im Gespräch mit Handelsblatt.com zeigt Scheer, welche Möglichkeiten sich im Netz bieten und wo die Politik handeln sollte.
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Herr Scheer, die vorgelegte Studie zeigt, dass das Internet mittlerweile wahlentscheidend für die Parteien geworden ist. Trotzdem sagen die Parteien in der Mehrheit, das der Onlinewahlkampf zwar eine wichtige Komponente in der Wahlkampfstrategie ist, den klassischen Wahlkampf auf der Straße aber nicht ersetzen wird. Haben die Parteien die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Soweit würde ich nicht gehen. Schließlich akzeptieren die Parteien, dass es eine Komponente im gesamten Wahlkampf ist. Die Bedeutung dieser Komponente wird aber in Zukunft zunehmen. Gerade bei den jüngeren Wählern ist das Internet mittlerweile die Informationsquelle Nr. 1. Bei den älteren Wählern rangiert das Internet zwar weiter unten, während die klassischen Medien noch dominieren. Aber auch die klassischen Medien bieten ihre Inhalte alle auch im Netz an.

Für wie professionell halten Sie denn die Internetseiten der Politiker?

Da gibt es große Unterschiede. Die Angebote der Parteien und die Seiten der Spitzenpolitiker sind durchweg professionell. Bei den Landtags- und Bundestagsabgeordneten schwankt das Spektrum zwischen professionell und peinlich. Da werden zum Teil Inhalte geboten, die bestenfalls als Homestory durchgehen können. Man bekommt einen breiten Einblick in das Privatleben und erfährt sogar den Spitznamen des Politikers. So etwas wollen die Wähler aber gar nicht wissen. Sie wollen sachliche Informationen und erfahren, ob sie diesen Informationen trauen können. Von daher besteht schon ein Interesse an der Person. Da ist der Lebenslauf ebenso interessant wie die Nebentätigkeiten, die ein Politiker ausübt. Von allzu Privatem sollten die Politiker aber die Finger lassen.

Sie sprechen von Vertrauen. Denken Sie, es müsste von Seiten der Politik noch mehr getan werden, um die Politik transparenter zu machen?

Das ist sicher eine Gradwanderung. Denn man muss sich bei allen Forderungen auch fragen: Was sind denn die Konsequenzen? Wenn man einen gläsernen Abgeordneten will, kann das auch dazu führen, dass sich keiner mehr bereit erklärt, solch ein Amt zu übernehmen. Das kann ja nicht das Ziel sein. Die Diskussion zeigt aber, dass die Politik generell ein schlechtes Image hat. Politiker rangieren da auf ungefähr derselben Stufe wie Manager. Dagegen muss etwas getan werden und je mehr ein Bürger eingebettet ist und je mehr er selbst gestalten kann, umso weniger misstrauisch wird er auf die Abgeordneten gucken.

Glauben Sie denn, dass durch eine stärkere Einbindung gerade auch junge Menschen wieder Spaß an Politik haben?

Das ist zumindest die Chance, die die Politik sehen sollte. Heute sagen zwei Drittel der jungen Wähler, dass sie das Internet nutzen, um mit ihrem Abgeordneten in Kontakt zu treten. Aber auch abgesehen von den Jungen zeigt unsere Studie ein generelles Interesse der Bürger, sich in die Politik einzuschalten. Besonders in der Kommunalpolitik mischen sich viele ein. Je mehr es um das direkte Umfeld der Menschen geht, desto eher beteiligen sie sich. Das Internet bietet den direkten Kontakt zur Politik und kann so der Politikverdrossenheit entgegenwirken.

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