Interview mit Diether Döring
„Die Rente mit 67 muss kommen“

Um die Rente mit 67 wird wieder hitzig gestritten. Doch jetzt am Beschluss zur Anhebung des Renteneintrittsalters zu rütteln, ist alles andere als klug, meint Rentenexperte Diether Döring. Im Interview erklärt er, warum ein späterer Berufsausstieg unvermeidbar ist und warum Deutschland hierbei bislang versagt hat.

Herr Döring, im Zuge der Wirtschaftskrise werden Forderungen laut, die beschlossene Anhebung des Rentenalters von 65 auf 67 Jahre zu überdenken. Wir haben die Leser von Handelsblatt.com abstimmen lassen und knapp 50 Prozent sind der Meinung, das Gesetz sollte gekippt werden. Wie erklären Sie sich diese Stimmung?

Im Gegensatz zu manch anderen Ländern wie die Schweiz oder Skandinavien, die relativ hohe Beschäftigungsraten von Älteren nach dem 60. Lebensjahr erreichen, war Deutschland auf diesem Gebiet wenig erfolgreich. Entscheidend ist weniger das abstrakte Projekt Rente mit 67. Die Beschäftigten müssen sehen können, dass sie real noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Diese Entwicklung ist in Deutschland sehr dürftig ausgefallen. Zwar hat sich statistisch gesehen das Ausstiegsalter etwas nach hinten geschoben. Studien zeigen allerdings, dass es nur einer Minderheit gelingt, die eigene Berufstätigkeit bis 63 oder gar 65 fortzusetzen und dann aus der Tätigkeit in den Ruhestand zu gehen. Tatsächlich erfahren viele Ältere längere Arbeitslosigkeit oder Wartepositionen. Das macht die Menschen skeptisch gegenüber der Rente mit 67. Sie sehen für sich gar nicht die Chance, bis 65 oder künftig sogar 67 tätig zu sein. Es herrscht ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Das führt auch schnell zu der Interpretation, mit dem späteren Renteneintrittsalter solle nur die Rente gekürzt werden.

Was machen denn andere Länder besser?

Betrachtet man die Strategie jener, die da erfolgreicher sind, fallen einem folgende Punkte auf: Der jeweilige Arbeitsmarkt macht ein sehr differenziertes und flexibles Arbeitszeitangebot, mit dem auch Ältere eingestellt werden können. Die Schweiz hat zum Beispiel einen hohen Anteil von unterschiedlichen Teilzeittätigkeiten. Entscheidend ist auch die berufliche Weiterbildung nach dem 50. Lebensjahr. Da sieht es sehr armselig bei uns aus. Der wichtigste Aspekt aber ist die Bildung selbst. Liegt das Niveau der Ausgangsbildung hoch, hilft es den Menschen, lange im Beruf zu bleiben. Zugegeben: Wer körperlich arbeitet, als Facharbeiter, Arbeiter oder angelernter Arbeiter, der hat nach 60 wirklich schlechte Karten.

Was halten Sie von dem Vorstoß, die Rente mit 67 in Frage zu stellen?

Das prinzipielle Konzept eines späteren Berufsausstiegs ist natürlich auf lange Sicht unvermeidbar. Nach 2010 wird der demografische Wandel härter greifen und nach dem Jahr 2020 nochmals deutlich. Man kann also darüber streiten, ob man es jetzt umsetzt oder in fünf Jahren, aber nicht darüber, dass es passieren muss.

Warum dann diese Debatte?

Die derzeitige Debatte hat viel mit politisch-taktischen Gründen zu tun. Mit diesem Thema kann man im Wahlkampf noch ein paar Punkte machen. Für die SPD handelt es sich aber um einen schwierigen Aspekt. Franz Müntefering war der Matador des Projekts Rente mit 67. Für die Sozialdemokraten ist es also nahezu unmöglich, sich geschlossen dagegen zu stellen. Die Gewerkschaften waren eigentlich schon immer reserviert.

Was wären denn die Konsequenzen, würde das Gesetz, das ab 2012 schrittweise umgesetzt werden soll, gekippt?

Blieben wir beim Rentenalter von 65, dann wäre das ein Belastungsanstieg mit Blick auf die Beiträge zur Rentenversicherung. Idealerweise sollte ein späterer Berufsausstieg in einer Phase der ansteigenden Beschäftigung angestoßen werden. Doch wann die kommt, kann derzeit keiner sagen. Im Moment dominiert unser wirtschaftlicher Einbruch die Szenerie. Wenn wir im kommenden Jahr eine deutliche Wende bekommen, dürften wir relativ geringe Probleme haben. Doch sollten wir in eine mehrjährige Krise rutschen, dann verändert das natürlich die Situation. Aber das werden wir nicht jetzt wissen, bestenfalls 2010. Es wäre also angebracht, derzeit alles zu lassen wie geplant und abzuwarten.

Das Gesetz sieht ohnehin eine Überprüfungsklausel vor, nach der die Regierung von 2010 an alle vier Jahre eine Einschätzung darüber abgeben muss, ob die Anhebung des Renteneintrittsalters weiterhin vertretbar erscheint.

Eben. Es sollte so verfahren werden, wie es das Gesetz vorgesehen hat. Man sollte 2010/2011 die Arbeitsmarktsituation anschauen – und gerne auch darüber eine gesellschaftliche Debatte führen. Aber derzeit etwas zu verändern, halte ich nicht für klug.

Also auch nicht schon jetzt den Fahrplan von 2012 nach hinten schieben?

Nein, das halte ich für absolut verfrüht.

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