Interview mit: Ernst-Ludwig Winnacker
„Den Universitäten fehlt das Geld“

Der künftige Generalsekretär des neu geschaffenen Europäischen Forschungsrats, Ernst-Ludwig Winnacker, spricht im Handelsblatt-Interview über die Stärken und Schwächen der deutschen Spitzenforschung, europäische Förderinitiativen und den Vorsprung der amerikanischen Eliteunis.

Herr Winnacker, Sie sind einer der einflussreichsten deutschen Wissenschaftsmanager. In welchem Zustand ist die deutsche Forschung heute?

Es hat sich sehr viel bewegt, es gibt aber nach wie vor einige Schwachpunkte, die sich nicht so schnell ändern werden. Positiv sind die vielen Möglichkeiten der Nachwuchsförderung, die Exzellenzinitiative, die Internationalisierung und die Graduiertenkollegs. Aber es fehlt das Geld. Die Universitäten sind Hauptträger der Forschung, aber immer noch benachteiligt. Das neue Förderranking der DFG, das wir vor wenigen Tagen präsentiert haben, zeigt zudem, dass die Niveauunterschiede zwischen den Ländern größer sind denn je.

Aber das wollen wir doch: durch Wettbewerb mehr Spitzenforschung erzielen und damit zugleich mehr Unterschiede.

Die Frage ist aber, in welchem Maß die Deutschen bereit sind, Unterschiede im Niveau ihrer Universitäten zu akzeptieren. Für Landespolitiker ist das schwer zu verkaufen. Seien wir realistisch: Jeder ahnt – auch ich weiß es nicht –, dass es gut möglich ist, dass bei der ersten Runde der Exzellenzinitiative nur süddeutsche Universitäten übrig bleiben – trotzdem würde das einen gewissen Aufschrei provozieren.

Wo liegt die Lösung?

Vernünftiger innerdeutscher Wettbewerb in der Forschung ist erst möglich, wenn wir die Länder zu etwa sechs gleich starken Einheiten zusammenschließen – möglicherweise auch unterhalb der Ebene des Grundgesetzes. Es ist wie beim Golf: Sie können nicht jemanden wie mich, der noch nie einen Golfschläger in der Hand hatte, gegen Tiger Woods antreten lassen.

Also steht der Föderalismus der Modernisierung der Hochschullandschaft im Weg?

Ja, aber bislang wird das akzeptiert. Die Frage ist aber, ob es politisch vorstellbar ist, eine weniger renommierte Universität in einem kleineren Bundesland zu schließen oder in eine FH umzuwandeln. Das wage ich gar nicht zu denken – obwohl es eigentlich nötig wäre. Gerade weil wir viel zu wenig Fachhochschulen haben. Das Verhältnis der Unis zu den Fachhochschulen beträgt 65 zu 35 und müsste eigentlich umgekehrt sein. Es gibt viele Fächer, die gar nicht an die Universität gehören. So haben wir etwa zwei Arten von Pharmazeuten: die einen stellen Arzneimittel her, die anderen verkaufen Aspirin über den Ladentisch. Letztere könnten an einer FH ausgebildet werden. Vergleichbare Unterschiede gibt es auch bei den Juristen. Da muss noch viel umsortiert werden.

In wenigen Tagen kennen wir die ersten Sieger der Exzellenzinitiative. Wann wird einer von ihnen ein deutsches Harvard sein?

In einzelnen Fächern sind wir heute schon glanzvoll. Aber die 30 Millionen Euro, die die Sieger jährlich erhalten, werden die Suppe nicht wirklich fett machen. Eine echte Spitzenuni bräuchte zwei- bis dreimal so viel Geld wie etwa die TU München, die derzeit bei 20 000 Studenten ein Budget von 340 Millionen Euro hat. Die ETH Zürich hat für 12 000 Studenten 800 Millionen und ist in den weltweiten Rankings immer unter den ersten 20. Mit dem Niveau von Harvard, das seit 350 Jahren Kapital ansammelt, können wir aber noch lange nicht konkurrieren.

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