Deutschland

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Interview mit Hans-Werner Sinn: „Wir legen mehr Geld auf den Tisch als nötig“

exklusivHans-Werner Sinn sieht nach dem Euro-Gipfel die finanzielle Stabilität Deutschlands in Gefahr. Ein Grund dafür sei unsere Haftung für Südeuropas Banken. Die Bürger könnten „nur noch auf das Verfassungsgericht hoffen“.

Der Wissenschaftler Hans-Werner Sinn leitet das ifo-Institut seit 1999 und hat es von einem Problemfall zu einem der einflussreichsten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute gemacht. Quelle: Reuters
Der Wissenschaftler Hans-Werner Sinn leitet das ifo-Institut seit 1999 und hat es von einem Problemfall zu einem der einflussreichsten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute gemacht. Quelle: Reuters

Handelsblatt: Herr Professor Sinn, ist der Euro durch den Gipfel gerettet?
Hans-Werner Sinn: Nein. Wall Street, die City of London und die Pariser Banken wurden gerettet. Wir stehen nun für die Rückzahlung der Schulden der südeuropäischen Banken ein.

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War der Druck auf Angela Merkel zu groß?

Auf Frau Merkel wurde vom Ausland mehr Druck ausgeübt, als je zuvor ein deutscher Kanzler nach dem Krieg hat aushalten müssen. Es wurde ein Kesseltreiben veranstaltet. Um an unser Geld zu kommen, hat man Deutschland imperiale Gelüste vorgeworfen und uns den Hass der Völker prophezeit. Dem Druck konnte Angela Merkel nicht mehr widerstehen. So ist sie eingeknickt. Jetzt können die Bürger, an deren Vermögen man will, nur noch auf das Verfassungsgericht hoffen.

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Können Sie das Verhalten der Bundeskanzlerin denn verstehen?

Ich habe Verständnis für alles. Deutschland ist heute wieder so isoliert wie schon häufig in seiner Geschichte. Wie wir es auch anstellen, wir kommen offenbar aus dieser Isolation nicht heraus, ohne uns die Gunst der Nachbarn mit immer mehr Geld zu erkaufen. Aber wir haben viel mehr Geld auf den Tisch gelegt, als nötig war, weil wir den offenen Bruch des Maastrichter Vertrags akzeptiert haben, konkret die Verletzung der No-Bail-out-Klausel nach Artikel 125 des EU-Vertrags. Der Fehler wurde schon im Mai 2010 mit dem EFSF gemacht. Deutschlands Empfänglichkeit für äußeren Druck war die Einladung, mit immer mehr Druck immer mehr Geld zu erpressen. Wir müssen Angela Merkel helfen, indem wir Gegendruck aufbauen, damit nicht alles hinweggeweht wird, was die Stabilität unseres Staatswesens bislang ausgemacht hat.

Bislang hat der ESM-Vertrag vorgesehen, dass der Rettungsfonds die Banken nicht direkt rekapitalisieren darf, sondern das Geld an die Regierungen der Krisenländer überweisen musste. Jetzt haben die Regierungschefs direkte Bankhilfen beschlossen. Was halten Sie davon?

Deutschland hat damit eine Art ökonomischer Gewährträgerhaftung für die maroden Banken Südeuropas übernommen. Diese Banken müssen in den nächsten Jahren gewaltige Abschreibungsverluste auf die Immobilien- und Unternehmenskredite vornehmen, die in den Anfangsjahren des Euros gegeben wurden und nun notleidend sind, weil die Euro-Blase geplatzt ist. Es ist bemerkenswert, dass das zeitgleich mit der von der EU erzwungenen Zerschlagung der WestLB, der einst größten deutschen Landesbank, geschieht. Bekanntlich haben die Landesbanken ihre riskanten Geschäfte wegen der Gewährträgerhaftung des Staates ausgeübt. Das wird bei den nun vom ESM geschützten Banken Südeuropas nicht anders sein. Wir werden in Südeuropa noch viele Banken von der Art der deutschen HRE finanzieren müssen.

  • 01.08.2012, 19:40 Uhrazaziel

    Jedem einzelnen Satz von Professor Sinn stimme ich mit Ueberzeugung zu! Senden Sie, liebe Mitforisten und Gesinnungsfreunde, dieses Interview an alle Ihre Freunde!

  • 01.08.2012, 15:51 UhrJamshed

    Alleine schon das, was wir Apotheker gerade durchleben, ist einer demokratischen Berufsgruppe, wie wir sie nunmal als Apotheker-Gemeinschaft sind, völlig unwürdig.


    Hier mein persönlicher Vorschlag zur 'Better Spending'-Initiative unseres Aussenministers:

    Um Europa nachhaltig zu Stabilisieren und ein faires Miteinander zu ermöglichen wäre es vielleicht nicht von Nachteil, Datenautobahnen zwischen Politik, den freien Berufen und den Bürgern, sowie zwischen und innerhalb der berufständischen Organisationen in den europäischen Partnerorganisationen einzurichten?

    So könnte man auch einfacher erkennen, welche 'Mächte' eigennützig das System - nicht nur Geld - ausbeuten, da ja Auf- und Abfahrten fehlten, oder bereits zu viel vorhanden sind...

    ...wir konzentrieren uns viel zu sehr auf abstrakte Themen, wie generationsübergreifende Schulden, ESM, Finanzierungsquatsch mit Sauce.

    Was ist mit den Menschen in deren Berufen, und wie sieht es um deren Perspektive in deren demokratisch gewachsenen Strukturen aus?

    Was ist mit den Berufen? Ist das europäische Gesamt-Orchester der Berufsverbände startklar?^^

    Die Politik könnte sich ja um die Verteilung der Notenblätter kümmern, damit die Verbände länderübergreifendes Miteinander leben können, sonst wird es wahrscheinlich ein kostenorientiertes 'Survival Of The Fittest', was Großkonzerne mit Shareholder-Value sogar noch begünstigt ...

    Hm. Vielleicht ist das auch nicht die Aufgabe der Politik, sondern der Menschen in deren sozialen Strukturen?

  • 05.07.2012, 09:24 Uhrlinthe

    Endlich mal Jemand der das offen ausspricht was ich schon lange denke. Wir befinden uns grad auf dem Weg zu einer Überschudung des kompletten Euroraums. Letzten Endes wird dann die Druckerpresse angeworfen, damit die Schulden "weniger" werden und der liebe sparende Bürger verliert sein ganzes Vermögen.

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