Interview mit Harald Mieg
"Berlin fehlt der Unternehmer-Geist"

Ist Berlin eine Global City? Der Metropolenforscher Harald Mieg über Berlins Stellung im Vergleich zu New York, London und Tokio, die Defizite der deutschen Hauptstadt und die Aufgaben der Politik.

Herr Professor Mieg, Berlin feiert sich gern als Metropole. Ist dieser Anspruch berechtigt?

Das hängt vom Metropolenbegriff ab. Wenn man unter Metropolen die sogenannten Global Citys versteht, dann sicher nicht. Global Citys sind die Knotenpunkte der globalisierten Wirtschaft; dazu gehören London, New York, Tokio - aber Berlin spielt da keine Rolle. Selbst Paris wird nicht immer zur ersten Reihe der Global Citys gerechnet. Mithalten kann in Deutschland allenfalls Frankfurt aufgrund seines Flughafens und als Finanzplatz. Betrachtet man die Lage und die strukturellen Probleme Berlins, sollte die Stadt eher den Vergleich mit Warschau, Prag oder Wien suchen.

Was fehlt der deutschen Hauptstadt, um in der Top-Liga mitspielen zu können?

Global Citys haben eine Kontroll- und Gateway-Funktion. In solchen Städten sitzen die großen Banken, die Zentralen großer, weltweit agierender Konzerne, die ökonomischen und auch die politischen Entscheidungsträger.

Global Citys sind immer auch Verkehrsknoten mit großen Flughäfen. Berlin ist Hauptstadt, alles andere fehlt dieser Stadt teilweise oder sogar ganz.

Metropole ist Berlin jedoch kraft seiner Symbolfunktion: Die Stadt steht symbolisch für den Fall der Mauer und das Ende des Kalten Krieges, für das kulturell vibrierende Berlin der Zwanzigerjahre ebenso wie für die Schrecken des Dritten Reiches. Sie ist historisch und emotional sehr aufgeladen. Gleichzeitig gilt sie als jung, offen und kreativ. Mit all diesen Facetten ist Berlin eine globale Marke und Metropole mit kultureller Strahlkraft wie London oder New York - ökonomisch betrachtet aber leider keine Global City.

Woran zeigt sich die ökonomische Knotenfunktion?

Charakteristisch für Global Citys ist eine positive Kontrollbilanz, also dass die Kontrolle über das Kapital weit über die Stadt selbst hinausgeht, dass Kapitalentscheidungen häufig weltweite Auswirkungen haben. Die Kontrollbilanz Berlins aber ist negativ. Und sie verschlechtert sich vermutlich weiter. Mit der Fusion von Bayer und Schering verliert Schering seine Eigenständigkeit und wird als letztes Berliner Unternehmen aus dem Dax verschwinden. Berlin ist weitgehend deindustrialisiert. Auch das Bankwesen ist dabei, sich weitgehend aus Berlin zu verabschieden. Im internationalen Finanzgeschäft spielt Berlin keinerlei Rolle.

Die alten Industrien sollen aber durch Zukunftsindustrien wie Biotechnologie oder Mikrosystemtechnik ersetzt werden.

Das sind berechtigte Hoffnungswerte, ebenso wie die sogenannten Kreativindustrien in den Bereichen Kunst, Mode oder Event. Es ist aber noch nicht absehbar, welche Wertschöpfung und welches Beschäftigungspotenzial einmal daraus generiert werden können. Wir dürfen in Berlin kaum ein Wirtschaftswunder erwarten. Dazu fehlt bisher eine entwickelte Risikokapital-Kultur. Es ist in Berlin kein Problem, ein Unternehmen zu gründen. Was fehlt, sind die Bereitschaft und Fähigkeit, mit Wagniskapital umzugehen, um nach dem Start das Wachstum zu finanzieren. Das Kapital wäre vorhanden. Es fehlt weitgehend der kapitalistisch-unternehmerische Geist in der Stadt, den es vor dem Zweiten Weltkrieg gab. Wagemutige Jungunternehmer sind in Berlin heute oft Einzelkämpfer. Wachstum muss man wollen; viele in Berlin wollen es leider nicht.

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