Interview mit IG-Metall-Vize Christiane Benner
„Die Digitalisierung ist wie ein Cocktail“

Sie ist erste Frau an der Spitze der IG Metall: Christiane Benner spricht im Handelsblatt-Interview über die Lohnkluft zwischen Männern und Frauen, Autos aus dem 3-D-Drucker und Überraschungen der digitalen Arbeitswelt .

BerlinInzwischen, sagt Christiane Benner, ist ihr Adrenalinspiegel wieder einigermaßen auf Normalniveau angekommen, auch wenn sie immer noch einen Heidenrespekt vor ihrer neuen Aufgabe hat: Auf dem Gewerkschaftstag im Oktober wurde die 47-jährige Soziologin zur Stellvertreterin des neuen IG Metall-Chefs Jörg Hofmann gewählt und ist damit die erste Frau an der Spitze der weltgrößten Einzelgewerkschaft. Besonders am Herzen liegt Benner die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt. Nicht alles, was das SPD-Mitglied dazu zu sagen hat, wird beim Arbeitgebertag an diesem Dienstag in Berlin gut ankommen. So sieht die Gewerkschafterin zwar neue Chancen, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, fordert aber auch ein Recht auf Abschalten. Und gläserne Beschäftigte wird es mit ihr nicht geben.    

Frau Benner, der Schriftsetzer ist aus der Arbeitswelt verschwunden, der Kohlekumpel wird bald auch nicht mehr gebraucht. Welche Berufe lässt nun die Digitalisierung aussterben?
Viele Berufe werden nicht aussterben, aber sich verändern. Aus dem Mechatroniker wird der IT-Systemmechatroniker, statt der Sekretärin ist die Büromanagerin gefragt, neue Ausbildungsberufe wie Mathematisch-technische Softwareentwickler (MATSE) oder Produktionstechnologe entstehen. Klar ist: Ohne IT-Qualifikationen wird es nicht gehen.

Veränderungen in den Berufsbildern hat es doch immer gegeben. Was ist das Besondere bei der Arbeit 4.0?
Das Internet bietet ganz neue Möglichkeiten der Vernetzung von Arbeitsabläufen. Wir haben künstliche Intelligenz, cyberphysische Systeme, die Trennlinien zwischen Produktion, Administration, Dienstleistungs- und Wissensarbeit lösen sich auf. Das sind tektonische Verschiebungen, die früher unvorstellbar waren. Hinzu kommen disruptive Geschäftsmodelle wie zum Beispiel das von Uber.

Und die beunruhigen Sie?
Ich vergleiche die Kombination aus Digitalisierung und Globalisierung gerne mit einem Cocktail: Ob der bunt und lecker wird oder am Ende einen bösen Kater verursacht, muss sich zeigen. Wir wollen den Cocktail so mixen, dass er auch den Beschäftigten gut bekommt.

Zeitig das Büro verlassen, die Kinder ins Bett bringen und dann am Tablet noch eine Stunde arbeiten – was ist so schlimm daran?
In der Tat bietet die Digitalisierung neue Chancen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder mehr Zeitsouveränität. Aber dies kann eben auch zu einer Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben führen.

Was wiegt also schwerer – Chancen oder Risiken?
Wir wollen die Chancen nutzen und Risiken begrenzen. Es ist unser Ziel, eine faire Arbeitswelt zu gestalten. So haben wir in einigen Unternehmen per Betriebsvereinbarung schon ein Recht auf Abschalten erwirkt – etwa bei BMW.

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