Interview mit Josef Kraus
„Die Pisa-Aufgeregtheit muss weg“

Der Deutsche Lehrerverband macht drei Gründe aus für das gute Abschneiden Sachsens beim Pisa-Ländervergleich: hoher Stellenwert der naturwissenschaftlichen Bildung, kleinere Lerngruppen und weniger Risikoschüler. Welche Lehren die Politik daraus ziehen sollte, sagt Verbandschef Josef Kraus im Interview mit Handelsblatt.com.

Handelsblatt.com: Herr Kraus, Sachsen hat den jüngsten Pisa-Vergleich der Bildungssysteme in Deutschland gewonnen und Bayern vom ersten Platz verdrängt. Das ostdeutsche Bundesland hat ein zweigliedriges Schulsystem, also Gymnasium und Mittelschulen. Ist der Pisa-Erfolg des Landes auch damit zu erklären, dass es dort keine Hauptschule gibt?

Josef Kraus: Bestimmt nicht. Es sind drei andere Gründe: Erstens hat naturwissenschaftliche Bildung in Ostdeutschland schon aus der DDR-Zeit heraus einen hohen Rang. Zweitens haben die Schulen in den neuen Ländern erheblich kleinere Lerngruppen und damit mehr Möglichkeiten der individuellen Förderung. Und drittens haben die Schulen der neuen Länder einen weitaus geringeren Migrantenanteil und damit weitaus weniger Risikoschüler als die alten Länder. In Sachsen etwa beträgt der Migrantenanteil 3,6 Prozent, in Baden-Württemberg 26,8 Prozent, in Bayern 18,4 Prozent.

Sollte die Hauptschule generell in ganz Deutschland abgeschafft werden oder reicht es aus, die Bildungsstandards für Hauptschüler zu senken, wie das die Kultusminister beabsichtigen?

Mit einer Abschaffung der Hauptschule ist kein Problem gelöst, weil damit der potentielle Hauptschüler nicht abgeschafft ist. Dieser Hauptschüler braucht eine besondere Förderung in einer modernen Hauptschulpädagogik. Würde man ihn hinsichtlich Schulform nur umetikettieren, dann wäre damit nichts gewonnen. Dass die Kultusminister die Hauptschulstandards absenken wollen, halte ich für ein gefährliches Manöver. Das schönt zwar am Ende die Bilanzen, aber es fügt der Hauptschule erneut einen erheblichen Imageschaden zu.

Wäre eine Konsequenz aus den Ergebnissen der Pisa Studie auch, die Schulen mit mehr Geld bzw. mehr Lehrern auszustatten?

Was die Bildungsfinanzierung betrifft, so bekleckert sich Deutschland nicht gerade mit Ruhm. Viele Industrieländer sind da großzügiger. Und mehr Lehrer bräuchten wir auch, um etwa Unterrichtsausfälle zu vermeiden und kleine Fördergruppen einzurichten. Das Problem ist nur: In bestimmten Bereichen bleibt uns der Lehrernachwuchs aus, zum Beispiel in den Naturwissenschaften und in der Mathematik. Da kommt ein erhebliches Problem auf uns zu, dessen frühzeitige Lösung die Politik verschlafen hat.

International belegt Deutschland beim jüngsten Pisa-Test unter 57 Staaten Platz 13. Was machen andere Staaten besser?

Ob andere Länder alles oder viel besser machen, sei einmal dahingestellt. Manche Länder bzw. Regionen, die vor Deutschland rangieren, sind mit Deutschland kaum vergleichbar. Entweder sind es Stadtstaaten oder sie haben - wie Finnland - einen verschwindend geringen Migrantenanteil. Fördersysteme für schwächere und für Spitzenschüler würde ich mir wünschen. Damit könnten wir uns insgesamt erheblich verbessern.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bildung in Deutschland und welche Erwartungen haben Sie diesbezüglich an die Politik?

In erster Linie müssen wir einmal wegkommen von der fast schon ritualisierten Pisa-Aufgeregtheit und endlich zur Kenntnis nehmen, dass Pisa nur einen kleinen Ausschnitt aus dem schulischen Lerngeschehen misst. Bildung in Deutschland ist gottlob erheblich mehr als Pisa - nämlich eben auch fremdsprachliche, politische, historische, geographische, religionskundliche, ethische, sportliche und ästhetische Grundbildung.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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