Interview mit Jürgen Trittin
„Die SPD ist desorientiert“

Der designierte Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl, Jürgen Trittin, hat der SPD vorgeworfen, sie sei im „neuen Fünf-Parteien-System desorientiert“. In Hessen hätten die Sozialdemokraten „in einer atemberaubend dilettantischen Reihe von Manövern eine Tolerierung durch die Linke vermasselt“, sagte Trittin im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Herr Trittin, hat sie überrascht, wie viel Ole von Beust den Grünen auf den Tisch gelegt hat?

Jürgen Trittin: Er hat nichts auf den Tisch gelegt. Er hat sich bereit erklärt, über zentrale grüne Punkte - Abschaffung derStudiengebühren, gemeinsame Schule, Verzicht auf Moorburg, Zurückhaltung bei der Elbvertiefung - zu verhandeln. Die Grünen standen vor der Frage, darüber mit offenem Ausgang zu verhandeln oder zuzulassen, dass eine großen Koalition diese Fragen so löst, wie wir das nicht wollen. Da ist es rational,erst einmal zu verhandeln.

Aber die CDU hat das Aus für das Kraftwerk Moorburg angeboten.

Das, was in Sondierungen am ersten Tag auf den Tisch kommt, soll nur zeigen:wir wollen verhandeln. Was die CDU tatsächlich bereit ist, zu konzedieren und was sie dafür erwartet,muss man am Ende sehen. Daher warne ich vor Euphorie.

Sie bleiben grundsätzlichen skeptisch gegen schwarz-grün?

Es geht nicht um Skepsis, sondern darum, dass die programmatische Schnittmenge mit der CDU geringer ist als mit SPD und auch mit der Linken. Deshalb gibt es auch in Kommunen sehr viel mehr rot-grüne Kooperationen, wie etwa in München schon seit 18 Jahren, alsschwarz-grüne. Das wird auch so bleiben. Dennoch kann es vorkommen, dass man für vier Jahre die größere inhaltliche Distanz zu Gunsten einer fallweisen pragmatischen Zusammenarbeit überwindet.

Aber nur, wenn die SPD rot-rot-grün verweigert?

Die SPD ist im neuen Fünf-Parteien-System desorientiert. In Hessen hat sie in einer atemberaubend dilletantischen Reihe von Manövern eine Tolerierung durch die Linke vermasselt. In Hamburg verweigert sie sich schon dem Gedanken und bewirbt sich lieber zum Nulltarif als Junior der CDU.

Viele Grüne meinen neuerdings Schwarze seien verlässlicher.

Ich rate, so etwas nicht zu verallgemeinern. In München ist die Zusammenarbeit mit der SPD sehr verlässlich, im Landkreis Göttingen, meinem Wahlkreis, gilt das für die CDU.

Schwarz-grün-Fans sagen, die Kooperation ist einfacher, weil man nicht um gleiche Wähler buhlt.

Für rot-grüne Wechselwähler ist entscheidend, ob in einer schwarz-grünen Koalition für Umwelt, soziale Gerechtigkeit und Bildungschancen mehr heraus kommt, als in einer großen Koalition. Das ist der Maßstab.

Fürchten sie viele Parteiaustritte bei schwarz-grün in Hamburg?

Mitglieder- und Wählerverlusten kann es nur geben, wenn Stamm- wie Wechselwähler den Eindruvk haben, die Grünen setzen ihre Inhalte nivht durch. Unsere Wechselwähler, die uns über die Stammwähler hinaus wählen, sind solche, die mal grün, mal SPD, mal gar nicht und auch mal Linkspartei wählen. Schnittmengen mit CDU und FDP gibt es so gut wie keine.

Können solche Schnittmengen entstehen, wenn es schwarz-grün auch in Ländern gibt?

Alle Umfragen zeigen: es gibt keine relevanten Wählerwanderung zwischen CDU, FDP und uns. Warum sollten wir in der Hoffnung auf solche hoch unwahrscheinlichen Wechselwähler unsere eigenen erst malvertreiben?

Schwarz-grün im Bund also undenkbar?

Es deutet nichts darauf hin, dass neben einer großen Koalition ein Zweiparteienbündnis eine Mehrheit bekommen könnte.

Und Jamaika?

Da können die Grünen bekanntlich ihre Inhalte gleich in einem Joint rauchen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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