Interview mit Jürgen Trittin
„Merkel ist schlechte Marktwirtschaftlerin“

Der Spitzenkandidat der Grünen, Jürgen Trittin, hat die Hoffnung auf eine Regierungsbeteiligung seiner Partei in einer Zweierkonstellation auf Bundesebene gedämpft. Im Interview mit Handelsblatt.com spricht er über die Schwierigkeiten seines Wunschkoalitionspartners SPD, Wähler zu mobilisieren, das Krisenmanagement der Bundesregierung und die „Spaßbremse“ CSU.

Die SPD ist in einem dauerhaften Stimmungstief. Macht Ihnen das Sorgen?

Jürgen Trittin: Man darf Umfragen nicht für die Wahrheit nehmen. Gleichwohl zeigen sie, dass sehr viele Menschen noch nicht entschieden haben, wen sie wählen. Die Wahlen werden in den nächsten vier Wochen entschieden. Da müssen wir uns anstrengen, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, wie bei der Europawahl wieder dritte Kraft in diesem Lande zu werden. Eine Million Wählerinnern und Wähler müssen wir noch zusätzlich mobilisieren.

Als dritte Kraft werden sie aber wohl kaum regieren können, zumal die SPD immer noch nicht Tritt gefasst hat.

Dass es eine schwarz-gelbe Mehrheit in Umfragen geben wird, wurde auch schon in früheren Wahlkämpfen prophezeit. Dann ist es aber doch anders gekommen. Allerdings gibt es jetzt einen Unterschied. Die Politik der SPD ist durch die Große Koalition so desavouiert, dass ihre Schwierigkeiten bei der Mobilisierung von Wählern nicht nur ein momentanes Formtief sind. Wenn man also Schwarz-Gelb verhindern will, wird das nur mit starken Grünen gehen. Denn die SPD wird die Wende gegen Schwarz-Gelb nicht hinbekommen.

Wie erklären Sie sich das Formtief der Sozialdemokraten?

Die SPD hat sich in vier Jahren Große Koalition aufgerieben. Das hat dazu geführt, dass sie bei allen Landtagswahlen verloren hat. Seit Beginn der Großen Koalition hat im Übrigen auch die CDU immer wieder bei Wahlen Einbußen hinnehmen müssen, teilweise höhere als die SPD. Ich würde mich deshalb sehr wundern, wenn die Union ihr Ergebnis von 2005 mit 35 Prozent diesmal wieder erreicht.

Wenn die Grünen stärker werden sollten als die FDP, ist dann auch eine schwarz-grüne Koalition für Sie denkbar?

Bei den zu erwartenden Verlusten der beiden Koalitionsparteien wird es keine Situation geben, in der eine große Partei mit einer kleinen Partei regieren kann. Es wird weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün noch für etwas anderes reichen.

Angela Merkel spricht immer davon, dass sie eine bürgerliche Mehrheit erreichen will nach der Wahl am 27. September.

Dann müsste sie mit allen Parteien koalieren wollen, einschließlich der Linkspartei, da gibt's auch viele Bürger.

Sie hat aber nur die FDP im Blick.

Die so genannte bürgerliche Mehrheit ist doch nur ein Kampfbegriff. Er stammt aus der Zeit der Sozialistengesetze unter Bismarck. Da gab es den Bürger und den Proleten, auf den man herabsah. Das ist alles nicht mehr zeitgemäß. Heute gibt es viele Menschen, die sich selber als sehr bürgerlich definieren und die trotzdem nichts mit der Politik von Schwarz-Gelb am Hut haben wollen. Zum Beispiel gibt es eine Initiative von Millionären, die für die Einführung einer Vermögenssteuer werben. Sind das keine Bürger?

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