Interview mit Justus Haucap
„Arcandor-Pleite gut für den Steuerzahler“

Nach der Insolvenz des Arcandor-Konzerns geraten die Eigentümer in die Kritik. Es sei „relativ witzlos“ , dass sie den Staat um Hilfe angefleht, aber selbst kaum Hilfe geleistet haben, um das Unternehmen zu retten, kritisierte der Vorsitzende der Monopolkommission, Justus Haucap. Im Interview mit Handelsblatt.com warnte er zugleich die Bundesregierung davor, den „Superretter“ zu spielen.

Herr Haucap, steht nun zu befürchten, dass das Verhältnis der Bundesbürger zu ihren Wirtschaftsführern Schaden nimmt?

Justus Haucap: Ich habe den Eindruck, dass es um dieses Verhältnis ohnehin nicht zum Besten bestellt ist. Dass ausgerechnet die Insolvez von Arcandor hier dramatische Auswirkungen in die eine oder andere Richtung hat, glaube ich nicht. Ich kann den Eigentümern im Grunde auch nicht verübeln, dass sie in ein anscheinend marodes Unternehmen nicht gutes Geld schlechtem hinterherwerfen wollten. Ein solches Verhalten sollte man zwar nicht vom Staat erwarten, wenn er verantwortungsvoll mit Steuergeldern umgeht. Aber man kann auch von Privatleuten nicht verlangen, dass sie in Verlustbringer investieren. Auch privates Geld sollte lieber produktiven Zwecken zugeführt werden.

Vorwerfen kann man den Eigentümern lediglich ihre Erwartungshaltung, dass der Staat Geld in Konzepte investieren soll, die sie selbst offenbar nicht für so tragfähig halten, dass sie auch bereit sind ihr eigenes Geld darauf zu setzen. Wenn jemand eine Wette ohne eigenen Einsatz anbietet, ist das relativ witzlos und kein Beleg für seine Überzeugung.

Nicht nur die Eigentümer und die Manager haben Arcandor hängen lassen, sondern auch die Banken. Wie bewerten Sie das?

Hier gilt dasselbe wie für die Eigentümer. Wenn eine Bank ein Geschäftskonzept nicht für tragfähig hält, kann man nicht von ihr verlangen, ein solches Geschäft einzugehen. Die Banken sind ja gerade in der jüngeren Vergangenheit zuviele Risiken eingegangen. Jetzt würde ich nicht von einer Bank verlangen, schon wieder in offenbar risikoreiche Geschäftsideen zu investieren. Denn wer weiß schon, ob ein neues Geschäftsmodell bei Arcandor mittelfristig überlebensfähig wäre.

Wie beurteilen Sie die harte Linie der Bundesregierung im Fall Arcandor?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob es hier so eine harte Linie gibt. Die EU-Kommission hatte doch schon in der vergangenen Woche sehr deutlich gemacht, dass sie eine staatliche Hilfe nicht ohne Weiteres akzeptieren würde. Die europäische Beihilfenkontrolle ist ja noch nicht völlig außer Kraft gesetzt, da blieb der Bundesregierung doch gar nicht so viel Anderes übrig.

Ist jetzt ein Dammbruch bei staatlichen Hilfen für Unternehmen abgewendet?

Hoffentlich ist ein Dammbruch abgewendet. Der Fall Opel wiegt immer noch schwer genug, ich teile da vollkommen die Meinung des Sachverständigenrats. Es ist aber gut, dass nicht jedes Unternehmen Staatshilfe bekommt. Die Politik muss hier unbedingt der Versuchung widerstehen, im Superwahljahr als Superretter zu erscheinen. Die Entscheidung in Sachen Arcandor ist da ein guter Anfang für den Steuerzahler und die soziale Marktwirtschaft.

Was ist das für ein Signal für andere Konzerne, dass der Bund einem börsennotierten Groß-Unternehmen wie Arcandor nicht geholfen hat?

Ob Arcandor der Einzelfall ist oder Opel, ist erst einmal nicht klar, hier gilt es die weitere Entwicklung abzuwarten. Arcandor darf kein Feigenblatt sein. Es bleibt zu hoffen, dass die Entscheidung ein Signal dafür ist, dass die Politik eine Plünderung der Staatskassen durch Konzerne nicht zulassen wird.

Die Monopolkommission berät die Bundesregierung als unabhängiges Expertengremium in Wettbewerbs- und Kartellfragen. Ihre fünf Mitglieder kommen aus Wissenschaft und Wirtschaft und werden auf Vorschlag der Bundesregierung für jeweils vier Jahre vom Bundespräsidenten berufen. Vorsitzender ist der Wirtschaftsprofessor Justus Haucap.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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