Interview mit Michael Glos
„Wir haben eine doppelte Vertrauenkrise“

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hat das Geschäftsgebaren der Kreditbranche scharf kritisiert. Während Banken Unternehmenskredite nur unter strengen Auflagen gewährten, würden sie gleichzeitig mit leichter Hand risikoreiche Papiere kaufen, deren Umfang in keiner Relation zur Größe des Instituts stehe, kritisierte er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Handelsblatt: Herr Minister Glos, Ihr Amtsvorgänger Ludwig Erhard hat einmal behauptet, dass 50 Prozent der Wirtschaft Psychologie sei. Wenn das stimmt, braucht die deutsche Wirtschaft dringend therapeutische Hilfe.

Michael Glos: In der Tat erleben wir durch die internationale Finanzkrise eine doppelte Vertrauenskrise. Einmal vertrauen sich die Banken untereinander nicht mehr und stellen sich gegenseitig kaum noch Kredite zur Verfügung. Gleichzeitig hat das Vertrauen der gesamten Gesellschaft in die Finanzinstitute gelitten.

Als Wirtschaftsminister muss Ihnen daran gelegen sein, dass dieses verloren gegangene Vertrauen schnellstmöglich zurückgewonnen wird. Was wollen Sie tun?

Die Sparer haben keinen Grund für eine Vertrauenskrise. Niemand muss sich in Deutschland Sorgen machen, dass seine Spareinlagen durch die Finanzkrise gefährdet werden.

Müssen die Finanzmärkte zusätzlich reguliert werden, damit eine solche Krise künftig gar nicht erst entsteht?

Ich warne vor einem vorschnellen Ruf nach zusätzlicher Regulierung. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Banken ihre eigene Risikobeurteilung, zu der sie verpflichtet sind, sorgfältig genug durchgeführt haben, oder ob sie sich ausschließlich auf Ratingagenturen verlassen haben. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass Banken Unternehmen nur unter strengen Auflagen Kredite gewähren, gleichzeitig aber mit leichter Hand risikoreiche Papiere ankaufen, deren Werthaltigkeit offensichtlich nicht sorgfältig genug geprüft ist und deren Umfang oft in keiner Weise in Relation zur Größe des Bankinstitutes steht. Wichtig ist, dass die Banker in Deutschland wie im Rest der Welt aus Fehlern in der Finanzkrise lernen.

Hätten nicht auch die Aufsichtsräte in den Banken früher die Notbremse ziehen müssen?

Aufsichtsräte sind natürlich verpflichtet, die Entscheidungen des Vorstands sorgfältig zu hinterfragen. Wenn Aufsichtsräte ihre Kontrollfunktion nicht sorgfältig ausüben, tragen sie Mitverantwortung für folgenschwere Fehlentscheidungen. Aufsichtsratsmitglieder sollten deshalb kritische und sachkundige Experten sein und nicht nach Wohlverhalten ausgesucht werden.

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