Interview mit NRW-Pirat Paul
„Irgendetwas entgleist immer“

Der Chef der Piratenfraktion in NRW will angesichts sinkender Umfragewerte mehr Inhalte und weniger Netzgeplapper. Eine Fraktion aufzubauen, sei wie einen Betrieb zu gründen. Aber sein alter Job war auch nicht schlecht, sagt er.
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Handelsblatt online: Herr Paul, die Piraten haben gerade eine schlechte Presse: Hier ein Oberpirat, der zu Spenden für sich selber aufruft, dort eine Piraten-Software, der es nicht gelingt, die Mitglieder zu verwalten. Was läuft schief?

Joachim Paul: Piraten sind noch nicht Boulevard-Medien-sicher. Wir werden bundesweit stark über die Berliner Piratenfraktion wahrgenommen. Wir sind deswegen aus Nordrhein-Westfalen letzte Woche nach Berlin gefahren und haben sieben Hintergrund-Gespräche mit Journalisten geführt. Schließlich ist unser Wahlergebnis hier in NRW auch ein Pfund. Die Landtagsfraktionen der Länder treffen sich noch unregelmäßig. Das wollen wir aber zur Institution machen.

Das heißt die Berliner Piraten sind anders als die NRW-Piraten? Wie ist ihr Verhältnis zu Johannes Ponader, der als Geschäftsführer der Berliner Piraten mit der Spendenaktion für sich selber für Aufsehen sorgte?

Er ist ohne Zweifel ein kluger Kopf. Ich mag ihn, auch wenn er polarisiert. Aber er ist er und ich bin ich. Ich finde das piratig.

Was heißt piratig?

Ich akzeptiere den Dissenz.


Steht es denn so schlecht mit den Finanzen der Piraten, dass Hilferufe, wie der von Herrn Ponader, notwendig sind?

Es gibt einen Spruch bei uns, der lautet: Bayern hat die meisten Piraten-Mitglieder, NRW hat die meisten zahlenden Piraten-Mitglieder. Also uns geht es gut. Auf Bundesebene sieht das etwas anders aus. Da müssen wir erst einmal ein funktionierendes Mahnwesen einrichten.

Oder sie geben als Mandatsträger etwas ab an die Bundespartei, so wie andere Parteien das auch machen.

Das kann man nicht vorschreiben. Außerdem läuft gegen dieses Verfahren eine Verfassungsklage, die mein Parteifreund Nico Kern angestrengt hat.

Verdienen Sie nicht genug?

Ich verdiene mehr als vorher, als ich als Medienpädagoge arbeitete, und 3300 Euro netto bekam. Es ist ein gutes Geld, aber es ist auch ein gerechtfertigtes Geld. Ich bin rechtschaffen platt. Stampfen Sie mal eine Fraktion aus dem Boden. Das ist wie einen Betrieb aufzubauen.

Ein Betrieb hat einen Geschäftszweck. Was ist der Kern der Piratenpartei?

Wir denken in Netzwerken, das heißt das Ganze ist nur so stark wie der schwächste Knoten. Und es heißt: Durch Vernetzung lassen sich auch komplizierte Probleme lösen.

Klappt das?

Es ist ein technischer Vorgang, den wir da auf unsere Vorgehensweise übertragen. Wir lernen noch. Was ich festgestellt habe, ist natürlich, dass Politik komplexere Probleme als nur technische lösen muss. Liquid Feedback ist da nicht alles. Im November werden wir uns auf einem programmatischen Parteitag darüber unterhalten.

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„Mein Respekt vor Politikern ist gewachsen“

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  • "Irgendetwas entgleist immer".
    Die ganze Partei ist eine einzige politische Entgleisung!

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