Interview mit Politologe Nils Diederich
Verliert Ypsilanti auch Fraktionschef-Posten?

Mit dem Abtritt von Andrea Ypsilanti als Spitzenkandidatin der Hessen-SPD ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, meint Nils Diederich. Der Politologe von der Freien Universität Berlin rechnet im Gespräch mit Handelsblatt.com damit, dass sie von ihrem Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel auch von der Fraktionsspitze verdrängt wird.

Andrea Ypsilanti bleibt weiter an der Spitze der Hessen-SPD und schickt zugleich einen Vertrauten, Thorsten Schäfer-Gümbel, als Spitzenkandidaten ins Rennen. Sieht so ein Neuanfang aus?

Das sieht nicht wie ein radikaler Neuanfang aus. Frau Ypsilanti hat zwar eingesehen, dass sie an Glaubwürdigkeit verloren hat. Aber: Es ist schon ein kühner Vorgang, mit einem Unbekannten in den Landtagswahlkampf zu gehen. Damit soll überspielt werden, dass Ypsilanti als Spitzenkandidatin verbrannt ist. Ob das für die Partei gut ausgeht, hängt davon ab, ob Schäfer-Gümbel eine neue Dynamik entfalten kann. Daraus ergibt sich dann möglicherweise auch, welche innerparteiliche Rolle Ypsilanti künftig spielen wird.

In Kommentaren war von Schäfer-Gümbel als Marionette Ypsilantis die Rede. Wie sehen Sie ihn?

Ich würde ihn als Statthalter Ypsilantis sehen. Es besteht ja ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis, weil er seine Position ihr zu verdanken hat. Da Schäfer-Gümbel als Ypsilantis Vertrauter gilt, ist davon auszugehen, dass er zunächst auch ihre Positionen vertreten wird. Interessant wird sein zu beobachten, ob der Mann Rückgrat genug hat, sich davon zu befreien und eigene Akzente zu setzen. Für ihn wird es daher darauf ankommen, den Umfrageeinbruch für die SPD einigermaßen auszugleichen. Ypsilanti hat – formal gesehen – als Fraktionsvorsitzende eine starke Position inne. Das muss aber nicht immer so bleiben. Sofern Schäfer-Gümbel bei der Landtagswahl ein achtbares Ergebnis erzielt, wird er eigene Ansprüche stellen – auch auf den Fraktionsvorsitz.

Was bedeutet der Neuanfang in Hessen für die Bundes-SPD?

Ich sehe keine großen Auswirkungen. Die Vorgänge in Hessen haben die SPD-Anhänger ja insgesamt verunsichert. Entscheidend wird sein, wie die Landtagswahl ausgeht. Dann wird man sehen, ob der Neuanfang sich nachhaltig positiv auswirkt oder die Partei sich erstmal auf eine längere Durststrecke einstellen muss. Auch was Roland Koch angeht, muss man abwarten, wie er sich positionieren wird. Eine moderate Regierung Koch würde eine gute Ausgangslage für die Union bei der Bundestagswahl darstellen.

Der Ypsilanti-Nachfolger fordert die „uneingeschränkte Solidarität“ der Bundespartei. Kann er damit rechnen?

Wenn er im Wahlkampf laut über Koalitionen nachdenkt, wird es mit Sicherheit Diskussionen geben. Er kann nicht erwarten, dass die Bundes-SPD zu der Aussage umschwenkt, rot-rote Koalitionen seien völlig in Ordnung. Die Bundes-Partei wird sich dahinter verschanzen, dass das in den Landesverbänden entschieden wird.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%