Interview mit Ralf Jäger, SPD
„Wir können nicht Everybody’s Darling sein“

Ralf Jäger ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen. Handelsblatt.com sprach mit ihm über Filz, einen Spitzenkandidaten ohne Stallgeruch und Störfeuer aus Berlin.

In Umfragen liegt die CDU bei der Landtagswahl am 22. Mai vorne. In sechs Wochen wollen Sie 880 000 SPD-Wähler mobilisieren. Wie schaffen Sie das?

Unsere Stammwählerschaft ist irritiert. Das heißt aber nicht, dass die zur CDU oder zur FDP geht, sondern sehr genau überlegt: "Geh ich wählen oder geh ich nicht wählen?". Wir müssen sie motivieren. Wir glauben, wir haben mit Peer Steinbrück einen Ministerpräsidenten, der klare Kompetenzen hat, der einen klaren Kurs fährt, Statur und Format hat. Beim Gegenkandidaten Jürgen Rüttgers muss man dagegen stündlich abfragen, welche Position er gerade zu welchem Thema hat.

Ein Großteil der Wähler macht ihre Entscheidung von der Bundespolitik abhängig. Aber aus Berlin gibt es momentan keine guten Nachrichten.

Für die Umfrage-Werte ist, denke ich, die Agenda 2010 verantwortlich. Uns gelingt es nicht, die Notwendigkeit dieser Reformen zu transportieren. Aber es ist ja nicht so, dass nichts passieren würde. Wir haben die Lohnnebenkosten und die Steuern gesenkt und mit Hartz IV Arbeitsmarkt-Reformen auf den Weg gebracht. In Deutschland haben wir ein psychologisches Problem: Zu viele jammern, wie schlecht alles sei.

Wenn die Bundespolitik Sie behindert, was helfen dann die Auftritte von Bundespolitikern im Wahlkampf?

Trotz aller Probleme sagen die Menschen auch, dass Reformen notwendig sind. Deshalb müssen wir sie offensiv vertreten und erklären, wofür diese Reformen gut sind. Im übrigen: Bundespolitiker haben einen höheren Bekanntheitsgrad als Landespolitiker. Das wollen wir nutzen. Wenn wir uns verstecken müssten, dass wir in Berlin regieren, wären wir schlecht beraten.

Es gibt auf der Website von Peer Steinbrück ein Video zum Wahlkampfauftakt. Der Ton ist blechern, das Bild zu dunkel, Versprecher sind dringeblieben. Steinbrück wirkt in seinem Büro hoch oben in der Düsseldorfer Staatskanzlei den Menschen entfremdet. Wie wollen Sie diesen Mann, der nicht mal aus NRW stammt, beim Wähler verkaufen?

Schauen Sie sich Peer Steinbrück einmal an, wenn er im Wahlkampf die Leute begeistert. Dann erkennen Sie sofort, warum er eine sehr gute Wahl ist. Er sagt klar, wo er helfen kann und wo nicht. Ich habe den Eindruck, auf allen Veranstaltungen ist der Zuspruch sehr groß. Peer Steinbrück ist unser Wahlkampfmotor. Wir wollen personifizieren: Er oder Rüttgers.

Ist es nicht einfacher, den Leuten einen Kandidaten aus dem Land zu verkaufen als jemanden, der wie Steinbrück die meiste Zeit in der Bundespolitik unterwegs war und auch noch einen Abstecher in die schleswig-holsteinische Landespolitik gemacht hat?

Peer Steinbrück hat sehr viele Jahre in Nordrhein-Westfalen gearbeitet, mehr als Rüttgers.

Sie haben ja in Duisburg eine geradlinige SPD-Karriere hinter sich gebracht: Mit 20 Jahren in den Ortsverein Duisburg-Meiderich eingetreten, Vorsitzender geworden, in den Landtag gewählt worden, dort seit 2004 stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Braucht es nicht eher solch einen klassischen SPD-Typen als Ministerpräsidenten?

Ich habe nicht die klassische Parteikarriere von Jugend an gemacht, sondern bin recht spät zur SPD gekommen. Peer Steinbrück ist tief verwurzelt in der SPD. Das war er immer. Aber er hat eben eine andere Vita, war Beamter, Staatssekretär, Minister, was ja auch nicht schlecht ist.

In der SPD mag er verwurzelt sein, aber in NRW?

Peer Steinbrück lebt seit über 30 Jahren in Bonn. Ich glaube, Bonn hat auch vor 30 Jahren schon zu NRW gehört.

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