Interview mit Richard Stöss
„Die SPD hat in der Krise das Nachsehen“

Mit seiner "mitreißenden" Parteitagsrede hat SPD-Kanzlerkandidat die Genossen überzeugt, meint Parteienforscher Richard Stöss. Fraglich sei dagegen die Wirkung auf die Wähler. Im Interview mit Handelsblatt.com erläutert der Politikwissenschaftler von der Freien Universität zu Berlin, warum den Sozialdemokraten ein schwieriger Wahlkampf bevor steht.

Handelsblatt.com: Herr Stöss, sie SPD-Spitze wollte mit dem Sonderparteitag das Signal für einen Neustart und der Partei einen Motivationsschub geben. Ist ihr das gelungen?

Richard Stöss: Der Parteitag und die Rede von Steinmeier waren vor allem an die Genossen gerichtet. Es ging weniger darum, Wähler zu überzeugen, sondern die eigenen Mitglieder. Das scheint schon gelungen zu sein. Die Rede war schon mitreißend, und der Beifall war entsprechend groß. Insofern ist das Kalkül der Parteispitze aufgegangen.

Bundesarbeitsminister Scholz hatte ja auch ein "große Rede" von Steinmeier angekündigt.

Ich weiß nicht, was das Kriterium für eine große Rede sein soll. Wichtig war, dass er diejenigen überzeugt, die den Wahlkampf für ihn mit gestalten. Offenbar hat das funktioniert. Vielleicht lag das auch daran, dass die Partei nach den schwierigen letzten Wochen dankbar war für jedes aufmunternde Wort ihres Spitzenkandidaten.

Die SPD will in den kommenden Wochen vor der Bundestagswahl auf eine stärkere Zuspitzung ihrer Themen setzen. Sie will einen Richtungswahlkampf führen - gegen die Marktradikalen von Schwarz-Gelb. Was halten sie von dieser Strategie?

Steinmeier hat gleichzeitig auch gesagt, dass die SPD in der Mitte die linke Volkspartei bleibt. Das bedeutet, dass sich das mit der Polarisierung im Wahlkampf in engen Grenzen halten wird. Er hat das ja auch insofern angedeutet, dass er gesagt hat, `wir streben eine Koalition mit den Grünen an, im Zweifel aber auch mit der FDP`. Und dann bleibt ja noch als Möglichkeit eine Neuauflage der Großen Koalition. Unterm Strich glaube ich daher nicht, dass es eine wirklich harte Wahlkampfauseinandersetzung geben wird. Ich rechne nicht damit, dass es einen Lagerwahlkampf geben wird. Die SPD wird auf ein allzu hartes Negative Campaigning gegen die Union verzichten.

Die aktuellen Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Deutschen Merkel vertraut. Auch in punkto Kompetenz in der Krise setzen die meisten auf die Union. Wie kann sich die SPD aus diesem Dilemma befreien?

Da steckt die SPD in einem Dilemma, mit dem alle linken Parteien in Europa zu kämpfen haben. In der Krise setzen die potenziellen Anhänger der linken Parteien lieber auf Sicherheit als auf soziale Gerechtigkeit. Und für Sicherheit stehen mehr die konservativen und bürgerlichen Parteien. Insofern sind die Wettbewerbsbedingungen für die SPD unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Umständen nicht besonders gut. Die Union und auch die Liberalen sind hier eindeutig im Vorteil.

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