Interview mit Rolf Tophoven
„Terroristischer Super-Gau wie 9 11 ist möglich“

In jüngster Zeit mehren sich in Afghanistan Angriffe auf Bundeswehr-Patrouillen. Die Einsatzführung rechnet damit, dass die Anschläge durch Taliban noch zunehmen werden, je näher der Termin der Präsidentschaftswahl am 20. August rückt, sagt Rolf Tophoven. Der Terror-Experte hat die Truppe besucht. Im Interview erklärt er, warum die Lage am Hindukusch schwierig bleibt und Europa mit Attacken rechnen muss.
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Handelsblatt.com: Herr Tophoven, sie waren vor kurzem mit der Bundeswehr in Afghanistan unterwegs. Wie wird dort derzeit die Sicherheitslage eingeschätzt?

Rolf Tophoven: Mit der Annäherung an die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan im August rechnet man mit verstärkter Anschlagstätigkeit auf Patrouillen der Bundeswehr. Stimmungsmäßig ist die Truppe jedoch wachsam und gelassen. Panik herrscht nicht, Professionalität wird praktiziert. Deutschland setzt als „Lead Nation“ im Norden vor allem auf wirtschaftliche Hilfe für die Afghanen, besonders auf Hilfe zur Selbsthilfe - im Gegensatz zur US-Politik werden bei wirtschaftlichen Projekten ausschließlich afghanische Firmen berücksichtigt. Im Norden Afghanistan setzt die Bundeswehr im Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen auf eine Art Konsumstrategie.

Bundesverteidigungsminister Jung hält es für falsch, von einem Krieg in Afghanistan zu sprechen. Wie ist Ihr Eindruck?

Im offiziellen Sprachgebrauch führen die Deutschen auch keinen Krieg. Dennoch ist sich die Truppe vor Ort durchaus bewusst, dass es kriegsähnliche Situation gab, gibt und geben wird. Es ist eine Art Kampf seitens der Taliban, der zum Teil mit operativen Taktiken eines Guerillakrieges geführt wird. Positiv werten die Soldaten besonders jene Tatsache, dass Verteidigungsminister Jung jetzt nicht mehr von getöteten Soldaten, sondern von Gefallenen spricht. Für die Motivation der Truppe im Einsatzkontingent eine wichtige Aufwertung und Anerkennung ihres Einsatzes..

In jüngster Zeit mehren sich Angriffe auf Bundeswehr-Patrouillen. Lässt das Rückschlüsse zu auf die Strategie der Taliban? Der Norden Afghanistans, in dem die deutschen Soldaten aktiv sind galt ja bislang als verhältnismäßig sicher.

Die Taktik der Taliban oder auch jene krimineller Banden war bisher geprägt durch so genannte Hit-and-Run-Operationen. Dabei wurde das Verhalten einer Bundeswehrpatrouille exakt ausgespäht. Am 29. April kam es zu einer Änderung dieses Vorgehens. Nachdem ein Taliban-Kommando eine Patrouille in einem ersten Hinterhalt angegriffen hatte und die Soldaten versuchten durchzustoßen und dem Hinterhalt zu entkommen, bauten die Taliban fünf Kilometer weiter einen zweiten Hinterhalt auf und verwickelten die Bundeswehr in ein längeres Feuergefecht. Dabei fiel ein Hauptgefreiter im Feuerkampf.

Danach änderte die deutsche Einsatzführung in der Region um Kundus ihre Taktik. Beim nächsten Zwischenfall Anfang Mai bezog die Patrouille Feuerposition und erwiderte sofort das Feuer der Taliban. Nach einem Schusswechsel hatten die Angreifer Tote und Verwundete und zogen ab. Psychologisch ein wichtiger Erfolg für die Bundeswehr, eine Schlappe für die Taliban. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan kommentierte diesen Vorfall mit den Worten: „Wenn unsere Soldaten angegriffen werden und sich verteidigen müssen, werden sie künftig gegenhalten.“

Was hat der Druck auf die Taliban im Süden und Osten durch die US-Truppen bislang bewirkt?

Zweierlei: Einmal hat der verstärkte Druck dazu geführt, dass Taliban-Gruppen in den Norden ausgewichen sind, um sich ihren Glaubens- und ethnischen Brüdern in der Region um Kundus im Paschtunengürtel anzuschließen. Zum andern hat das zum Teil harte Vorgehen der US-Militärs zahlreiche zivile Opfer gekostet und dadurch neue Sympathien und Kämpfer für die Taliban bewirkt.

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