Interview zu Korruption
„Gesetze allein helfen offensichtlich nicht“

Lange Zeit wurde das Problem Korruption von der deutschen Wirtschaft ignoriert. Mit einem EU-geförderten Forschungsprojekt will die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf die Korruptionsbekämpfung in den Mitgliedsstaaten unterstützen. Handelsblatt.com sprach mit dem Korruptionsforscher Professor Ulrich von Alemann über die Effizienz der Korruptionsbekämpfung für Unternehmen und Anreize zur Vermeidung von Bestechungspraktiken.

Handelsblatt.com: In Ihrer Vorstudie zur Bekämpfung der Korruption in den EU-Mitgliedstaaten wird deutlich, dass die Gesetzgebung nicht ausschließlich verantwortlich für die Korruptionsanfälligkeit eines Landes ist.

Von Alemann: Es gibt eine Fülle von Erklärungen, die darauf hinaus laufen, dass die politische Kultur, die Einstellung eines Landes, viel wichtiger ist als die Gesetze. Die Gesetze sind in Europa ähnlich geworden. Manche Länder, die besonders viel Korruption aufweisen, haben gleichzeitig scharfe Gesetze. Gesetze allein helfen offensichtlich nicht. Kulturelle Ursachen spielen eine große Rolle. Es ist verblüffend, dass laut Index von Transparency International bei den zehn besten Staaten, die am wenigsten Korruption aufweisen, fast durchweg protestantische, skandinavische Staaten stehen. Auch der Wohlstand ist von Bedeutung.

Nimmt die Korruption im Wirtschaftsbereich zu?

Zunächst einmal kann man klar beobachten, dass die Diskussion über Korruption zunimmt. Ich wage es allerdings zu bezweifeln, dass in deutschen Unternehmen früher weniger bestochen wurde als heutzutage. Problematisch sind scheinbar exakte statistische Auswertungen, denn sie beleuchten das Dunkelfeld der Korruption nicht. Hinzu kommt die Frage der Wahrnehmung. Die öffentlichen Maßstäbe haben sich stark verändert. Während ein Minister früher noch den Dienstwagen für private Urlaubsreisen nutzen konnte, akzeptiert die heutige Öffentlichkeit solche Dinge nicht mehr.

Wird das Thema von der Wirtschaft unterschätzt?

Eindeutig. Erst Mitte der 90er Jahre hat man den Straftatbestand der Korruption auch in der Wirtschaft eingeführt. Nicht nur der finanzielle Schaden belastet das Unternehmen, sondern vor allem die sinkende öffentliche Wertschätzung. Häufig gibt es deshalb immer noch die Tendenz die Sache lieber unter den Teppich zu kehren, damit man die Missstände eben gerade nicht öffentlich zur Kenntnis nimmt.

Ist korrupt immer gleichbedeutend mit kriminell?

Der graue Bereich der Korruption ist in der Regel legal, aber häufig nicht legitim. Mehrere deutsche Ministerpräsidenten sind in den 90er Jahren zurückgetreten wegen Traumschiff- oder Amigoaffären. Man denke an die Namen Späth, Streibl und Glogowski. Sie haben sich damals nicht strafbar gemacht. Ihr Verhalten wurde dennoch von der Öffentlichkeit nicht gebilligt.

Seite 1:

„Gesetze allein helfen offensichtlich nicht“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%