Interview zur Kirchenreform: „Die katholische Kirche ist too big to fail“

Interview zur Kirchenreform
„Die katholische Kirche ist too big to fail“

Christian Weisner ist Bundessprecher der Bewegung „Wir sind Kirche“. Im Interview erklärt er, warum die katholische Kirche das Rebellische im Christentum wiederentdecken muss - und was der neue Papst dafür tun kann.
  • 32

Herr Weisner, Wie bewerten Sie die Amtszeit von Benedikt XVI.?
Benedikt hat die Kirche geprägt, wie wohl wenige zuvor. Er war ja nicht nur acht Jahre Papst sondern auch 23 Jahre Präfekt im Vatikan. Allerdings merkt man jetzt auch: Eine Weltkirche mit 1,3 Milliarden Menschen braucht eine Person an der Spitze, die auch delegieren und mitreißen kann. Mit seinem Rücktritt macht er die Grenzen des Papst-Amtes deutlich.

Zuletzt haben die Missbrauchsfälle in der Kirche für große Aufmerksamkeit gesorgt. Was hat Benedikt dagegen getan? 

Er hat eine Wende eingeleitet und das Bewusstsein für die Sünde in der eigenen Kirche geschärft. Allerdings kam das sehr spät. Als Präfekt der Glaubenskongregation hat er noch im Jahr 2001 angeordnet, Missbrauchsfälle mit Diskretion zu behandeln.

Vor welchen Herausforderungen steht Benedikts Nachfolger?

Die Anforderungen sind fast übermenschlich. Der Nachfolger braucht einen Blick für die Weltkirche. Die meisten Katholiken leben in Lateinamerika. Er muss sich aber auch um Europa kümmern. Denn der christliche Glaube wird in seinem Stammland nicht mehr verstanden. Die größte Herausforderung aber ist die Reform der Leitung der römischen Kurie. Leider ist Ratzinger hier nicht voran gekommen, obwohl er über 30 Jahre in Rom war.

Benedikt hat seinen Rücktritt mit seinen nachlassenden Kräften begründet. Reicht es, wenn ein Nachfolger mit mehr Kraft an seine Stelle tritt?

Nein, die katholische Kirch muss sich grundlegend verändern. Wir brauchen mehr Dialog und dezentrale Strukturen. Im Moment lastet die Verantwortung für 1,3 Milliarden Katholiken auf einer Person. Das ist falsch und steht im Gegensatz zu den Zielen des Zweiten Vatikanischen Konzils Anfang der 60er-Jahre. Eigentlich sollte die Verantwortung der Bischöfe und der Ortskirchen gestärkt werden. Doch Rom hat alle Macht wieder an sich gerissen. Wir dürfen aber nicht alles Rom überlassen. Jeder Katholik muss mehr Verantwortung übernehmen.

Seite 1:

„Die katholische Kirche ist too big to fail“

Seite 2:

"Wir müssen das Rebellische im Christentum neu entdecken"

Kommentare zu " Interview zur Kirchenreform: „Die katholische Kirche ist too big to fail“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Sich den Massen anzubiedern? Geht's nicht doch eine Nummer kleiner? Sagenwirmal: religiöse Antworten zu finden auf heutige Probleme. Manche nennen es übrigens Reform, im Gegensatz zu Revolution.

  • @Kathole
    Auf die Couch willste nicht, dann empfehle ich als Therapie die "Kriminalgeschichte des Christentums" von Karlheinz Deschner. Brauchst nicht alles lesen, nimm dir nur einen, irgendeinen Band vor. Der reicht, um dein so arg verschobenes Weltbild wieder ins Lot zu bringen.

  • Korrekt! Die jungen Leute laufen "nicht umsonst" scharenweise aus der Kirche. Too big to fail? Die kath. Kirche wird sich noch wundern. Ich denke, genau wie So_isses, daß wir hier an einem Wendepunkt dieser Kirche angelangt sind. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Wendepunkt nach unten, kein "Durchstarten" bitteschön!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%