Iqwig-Chef Jürgen Windeler
„Die Arzneimittelreform ist höchst sinnvoll und längst überfällig “

Heute hat der Bundestag die Gesundheitsrefom von Minister Philipp Rösler verabschiedet, um die seit Monaten heftig gerungen wird und die der Regierung zuletzt wieder den Vorwurf der Klientelpolitik eingebracht hat. Jürgen Windeler, Leiter des Iqwig-Instituts, appelliert an die Pharmaindustrie, die Chancen des Gesetzes zu nutzen.
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Handelsblatt: Herr Windeler, wenn Sie Menschen, die sich nicht im Gesundheitsmarkt auskennen, erklären, was Sie beruflich machen, was sagen Sie?

Jürgen Windeler: Ich leite eine Art von Medizin-TÜV, der den Nutzen von Arzneimitteln, Medizinprodukten und anderen Anwendungen beurteilt.

Kritiker sagen, die heute zur Verabschiedung anstehende Arzneimittelreform, das Amnog, wird die Position des Iqwig eher schwächen als stärken. Das Iqwig werde zum zahnlosen Tiger.

Ich habe diese Diskussion nie verstanden. Meiner Ansicht nach sind keine Anzeichen einer Entmachtung des Iqwig zu sehen, eher das Gegenteil. Ich sehe diese Reform grundsätzlich positiv. Bei berechtigter Kritik im Einzelnen eröffnet sie doch die Möglichkeit, in Deutschland endlich zu einer systematischen Nutzenbewertung von Medikamenten zu kommen. Das ist in der Tat ein großer Schritt.

Aber der Gemeinsame Bundesausschuss hat die Schwächung der Nutzenbewertung ja deutlich kritisiert.

Ich kann verstehen, wenn der Gemeinsame Bundesausschuss für sich eine gewisse Entmachtung feststellt und kritisch bewertet. So verliert er seine Autonomie bei der Festlegung des Verfahrens. Wesentliche Schritte werden ihm nun per Rechtsverordnung vorgegeben. Außerdem muss er in Zukunft die Unzweckmäßigkeit von Medikamenten beweisen, bevor er sie von der Erstattung durch die Krankenkassen ausschließen kann. Bisher konnte er das schon tun, wenn der Hersteller keine Studien vorlegen konnte, die einen Nutzen belegen. Ich plädiere aber sehr dafür, die Rechtsverordnung zur Nutzenbewertung abzuwarten, bevor hier Schlussfolgerungen gezogen werden.

Was macht Sie so zuversichtlich, dass die Reform ein Erfolg wird?

Es gibt Experten, die sagen, das Glas ist höchstens halb leer. Ich sage: Es ist mindestens halbvoll. Künftig werden neue Medikamente innerhalb von drei Monaten an Hand von Nutzendossiers der Hersteller bewertet. Ergibt die Prüfung keinen Zusatznutzen gegenüber vergleichbaren Therapien, darf das Medikament nicht teurer sein als diese Therapien, also z.B. als der von den Krankenkassen festgelegte Erstattungshöchstpreis für die Vergleichstherapien.

Was passiert, wenn ein Zusatznutzen festgestellt wird?

Gibt es einen Zusatznutzen, muss der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen innerhalb eines halben Jahres auf Grundlage des frei gesetzten Listenpreises des Herstellers einen Preis aushandeln, den die Krankenkassen für das neue Medikament zahlen müssen. Durch die Nutzenbewertung können wir also in Zukunft die Spreu neuer Präparate ohne Zusatznutzen vom Weizen echter Innovationen trennen.

Aus der Industrie hört man schon Horrorszenarien, dass 90 Prozent der Neuzulassungen unter Festbetrag kommen, weil der Zusatznutzen fehlt.

Das kann und will ich nicht beurteilen. Aber wenn sich diese Einschätzung als richtig erweist, wäre das doch nur ein Beleg dafür, dass diese Reform höchst sinnvoll und längst überfällig war. Das würde dann zu Einsparungen führen. Für mich ist aber mindestens ebenso wichtig, dass diese Information Patienten und Ärzten bei der Auswahl von Arzneimitteln hilft. Das verbessert die Behandlungsqualität für die Patienten.

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