Iqwig-Chef Jürgen Windeler
Pharmabranche soll Chancen der Arzneimittelreform nutzen

Kurz vor der Verabschiedung der Arzneimittelreform von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) im Bundestag am Donnerstag hat der Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig), Jürgen Windeler, die Arzneimittelindustrie aufgefordert, aktiv bei der Umsetzung der Reform mitzuwirken.
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DÜSSELDORF. Das Gesetz werde von der Industrie zu Unrecht verteufelt, sagte der oberste Arzneimittelprüfer dem Handelsblatt. "Die Reform ist dazu geeignet, Forschung in die richtige Richtung zu lenken. Weitsichtige Unternehmen sollten also ihre Forschungsanstrengungen in Zukunft stärker auf echte Innovationen konzentrieren", forderte Windeler.

Die Reform sieht vor, dass in Zukunft neue Medikamente systematisch auf ihren therapeutischen Nutzen überprüft werden. Wird kein Zusatznutzen im Vergleich zu bekannten Therapien festgestellt, müssen gesetzliche und private Krankenkassen maximal den Preis dieser alten Therapien erstatten. Gibt es einen Zusatznutzen, muss der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen innerhalb eines halben Jahres auf Grundlage des frei gesetzten Listenpreises des Herstellers einen Preis aushandeln, den die Krankenkassen für das neue Medikament zahlen müssen. "Durch die Nutzenbewertung können wir also in Zukunft die Spreu neuer Präparate ohne Zusatznutzen vom Weizen echter Innovationen trennen."

Die Industrie forderte er auf, die in einer systematischen Nutzenbewertung liegenden Chancen zu nutzen. "Was die Industrie beim Hervorheben von Nachteilen offensichtlich nicht sieht, ist, dass das erfolgreiche Durchlaufen der Nutzenbewertung in Deutschland in Zukunft auch zum Schlüssel für einen schnellen Marktzugang in anderen Ländern werden kann. Dazu müssten sich die Unternehmen allerdings entschließen, das Ergebnis der deutschen Nutzenbewertung gezielt als Marketinginstrument einzusetzen", sagte Windeler.

Durch die frühe Nutzenbewertung könne Deutschland "vom Versuchslabor sogar zur echten Apotheke Europas werden, weil hier in Zukunft innovative Produkte nur noch mit einem geprüften, belegten Zusatznutzen und mit dadurch gerechtfertigten Preisen auf den Markt kommen". Die Industrie erhalte also vorzeigbare, qualitativ geprüfte Produkte, die sie auch in andere europäische Länder bringen könne. "Ich habe mit Industrievertretern gesprochen, die sehr klar die Chance der frühen Nutzenbewertung sehen, nämlich, dass sie ihre neuen Produkte mit überzeugenden Studien von anderen absetzen können."

Sollte die Industrie stattdessen versuchen, die Reform zu unterlaufen, müsse der Gesetzgeber nachbessern, fügte Windeler hinzu. "Natürlich ist nicht auszuschließen, dass Firmen versuchen werden, mit überhöhten Preisen in die Verhandlungen über Erstattungspreise zu gehen. Denkbar ist auch, dass gezielt mit kleinem Aufwand neue Therapien ohne Zusatznutzen auf den Markt gebracht werden, um von einem guten Festbetrag für Altpräparate zu profitieren." Man werde das in der Praxis beobachten müssen.

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