Ist der Markwirtschaft zu helfen?: Fünf Schritte gegen die Bastard-Ökonomie

Ist der Markwirtschaft zu helfen?
Fünf Schritte gegen die Bastard-Ökonomie

Nach Ansicht von Gabor Steingart hat ein fieser Mischling die Marktwirtschaft abgelöst. In seinem neuen Buch stellt der Handelsblatt-Herausgeber Maßnahmen vor, mit denen unser Wohlstand gerettet werden könnte.
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BerlinBeim Fußball ist nicht jeder Schuss ein Treffer. Aber nur weil nicht jedes Spiel eine Gala ist und jeder Angriff zum Torerfolg führt, muss man gleich die Sportart als solche verdammen. So verhält es sich auch mit der Marktwirtschaft und der europäischen Idee. Aber wenn eine Mannschaft trotz guter Spielzüge immer wieder verliert, stellen die Fans des Vereins zurecht kritische Fragen.

Gabor Steingart stellt genau diese Fragen. Der Autor und Herausgeber des Handelsblatts hadert in seinem am Montag erscheinenden Buch „Unser Wohlstand und seine Feinde“ vor allem mit der unguten Koalition aus Bankern und Regierung. Wo andere entweder auf die Finanzindustrie oder die Politik schimpfen, zieht Steingart die entscheidenden Querverbindungen - und identifiziert die Lehren.

Die Bestandsaufnahme fällt düster aus: Immer, wenn eine Krise vorüber ist, komme gleich die nächste. Es brauche gar keine Gegner, um diesen unsäglichen Zustand zu erreichen. Denn verraten worden sei das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft nicht von Feinden, sondern von Freunden: „Politiker retten Banken. Banken retten Staaten. Und beide zusammen lassen sich von den Notenbanken aushalten, die mit dem Gelddrucken kaum noch nachkommen“, schreibt Steingart.

Anders als mal von Karl Marx prognostiziert worden war sind es nicht profitgetriebene Unternehmer, die den Kapitalismus an die Wand fahren, urteilt Steingart. Die sind im Gegenteil gerade dabei, ihn zu retten mit realen Produkten, die in echten Fabriken hergestellt werden.

Die „unsichtbare Hand" des Adam Smith hat deswegen versagt, weil die Finanzbranche zu einem Casino verkommen ist. Aber entscheidend ist, dass dieses Casino legal betrieben wird – quasi mit Lizenz vom Staat. Wo 2001 der damalige SPD-Chef Franz Müntefering vor den Kameras Finanzinvestoren als "Heuschrecken" geißelte, hat die rot-grüne Regierung zeitgleich hinter den Kulissen der Finanzindustrie den roten Teppich ausgerollt - um nur ein Beispiel zu nennen.

Der Medienmanager Bodo Hombach nennt in einer ersten Rezension den ersten Teil des Buches einen „grandiosen Essay über die Wirtschaftsgeschichte der letzten 100 Jahre, mit Fokus auf gefährliche Entscheidungen". Der ehemaliger Chef des Bundeskanzleramtes, frühere Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik betont die „historische Tiefenschärfe“ dieser Passagen, in denen Steingart mit internationalem Blick erklärt, wie es zu all dem kommen konnte.

Im Zentrum von Steingarts Analyse steht der Begriff der „Bastardökonomie“. In diese sei die einst von Ludwig Erhard erschaffene Marktwirtschaft verwandelt worden: Die heutige Welt besteht aus einer Mischung aus Markt- und Staatswirtschaft, „in der Risiko und Verantwortung entkoppelt wurden“. In dieser Bastardwirtschaft ist die Regierung nicht mehr der neutrale Spieler, sondern ein Doppelwesen, das tagsüber die Banken geißelt und sich nachts von ihnen den nötigen Geldnachschub besorgt.

Hinter uns liegen extrem temporeiche Jahre. Seit dem Ende der Sowjetunion und dem Aufstieg Chinas gibt es laut Steingart eine "nie dagewesene Artenvielfalt der wirtschaftlichen Systeme". Im (Wahl-)Wahn, unbedingt für neues Wachstum sorgen zu müssen, wurde die Politik zum Partner der Finanzindustrie, weil sie frische Kredite brauchte, um den Spaß zu finanzieren. Die Wachstumsraten wurden teuer erkauft - nun sitzen wir auf den Schuldenbergen. Helfen müssen mehr den je die Notenbanken, die ihren "Gencode umprogrammiert" haben.

Dieser vermeintliche Wohlstand ist vom Kapitalmarkt geliehen, die Wirklichkeit wird synthetisch erzeugt. Die neuen Verhältnisse gehen einher mit gegenseitigem Überschätzen: Auf der einen Seite entstand eine Staatsschuldenkrise, auf der anderen bekamen Banken ein Liquiditätsproblem. Der große Bluff flog irgendwann auf - zumindest teilweise.

Besonders spannend weil als Anregung für intensive Diskussionen zu verstehen ist der zweite Teil des Buches, in dem Steingart fünf Maßnahmen gegen Bewegungsarmut und Denkblockaden entwirft.

Kommentare zu " Ist der Markwirtschaft zu helfen?: Fünf Schritte gegen die Bastard-Ökonomie"

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  • @ Fredi,

    Plesbizite sind nichts Anderes als populistischer Mehrheitsopportunismus.
    Sie könnten nur etwas Anderes sein, wenn die Mehrheit der Bürger zum Thema wirklich sachkundig wäre.
    Das aber ist ausgeschlossen, weil es dazu weder Zwang noch selbständigen Antrieb gibt. Wir müssten quasi alle zu Fachleuten von allem mutieren, das auf diese Weise entschieden werden soll.

    Wenn im letzten Krieg das verblendete Volk schrie "Wir wollen den totalen Krieg" dann können sie sich vorstellen was Plesbizite anrichten können.

    H.

  • Das Budgetrecht dem Bürger geben - nein, bitte nicht. Es ist nun einmal so, dass diejenigen, die die meiste Zeit haben die meisten Stimmen bekommen, weil sie am lautesten brüllen können. Und das sind hierzulande zum einen die, die nicht nicht mehr arbeiten müssen, weil sie genug Geld haben und diejenigen die nicht arbeiten weil es die Hängematte gibt. Übrigens gehören gerade die dazu, die definitiv nicht mit Geld omgehen können, die in die private Insolvenz maschieren um nach 6 Jahren wieder fleißig auf Pump zu leben.
    und genau an der Stelle sehe ich auch das Problem. Wir haben Recht und Pflicht entkoppelt. Jeder hat, und soll auch haben, das Recht Schulden zu machen. Aber jeder sollte dann auch die Pflicht haben diese Schulden zurück zu zahlen. und wer hohe Schulden macht muss schlimmstenfalls das ganze restliche Leben dafür zahlen. Auch die Insolvenz von Firmen muss wieder anbders laufen. Inzwischen gibt es einen riesigen Dienstleistungsbereich, der nur von den Insolvenzen lebt. Das kann und darf nicht sein, dass statt die Bezahlung von Lieferanten die Beschäftigung von Unternehmensberatern im Vordergrund steht. Und ja, auch Banken und Staaten müssen und dürfen pleite gehen.
    Das Schlüsselwort ist Verantwortung.
    Jeder muss wieder die Verantwortung für sein tun übernehmen. Politiker übernehmen die Verantwortung doch nur vor der laufeden Kamera mit schönen Worten. Nicht mit tatsächlichen Taten. Wenn ich die Fensterscheibe meines Nachbarn einwerfe und die Verantwortung dafür übernehme, dann muss ich dafür zahlen. So war das in meiner Kindheit - da wurde dann für ein paar Wochen das Taschengeld gekürzt, oder es gab kein Kino oder ähnliches. Heute zahlt das dann die Versicherung.
    Geschäftsführer sind durch D&O-Versicherungen abgesichert, Arbeitnehmer durch die Gesetze. Handwerker gründen GmbHs um die eigene Haftung (Verantwortung) zu minimieren.

  • "Die heutige Welt besteht aus einer Mischung aus Markt- und Staatswirtschaft, „in der Risiko und Verantwortung entkoppelt wurden“. In dieser Bastardwirtschaft ist die Regierung nicht mehr der neutrale Spieler, sondern ein Doppelwesen,..."

    Was in diesem Buch postuliert wird, ist ein ganz alter Hut. Schon zu meinen Studienzeiten in den 80er Jahren haben sich meine VWL-Professoren über den wachsenden Einfluss des Staates BRD (damals noch vor der Wiedervereinigung) mokiert.

    Die ganze Industriepolitik der damaligen NRW Landesregierung von MP Rau und auch seiner Vorgänger z.B. basierte auf das steuerfinanzierte Subventionieren der Montanindustrie. Worüber bei Banken heute geschimpft wird war für die Thyssens und Krupps standard. Da hat sich niemend aufgeregt, wenn der Staat sich verschuldet hat.
    Schon damals hiess es in den Vorlesungen "Thyssen oder Krupp könnten gar nicht pleite gehen, weil sie auf kaltem Weg sozialisiert wurden"
    Unsere Professoren waren ziemlich frustriert, wenn bei Ihnen von Bundes- oder Landesminiserien Gutachten in Auftrag gegeben wurden und es danach hiess " wenn ich das umsetze, verliere ich die Wahlen"

    In Lehrbüchern war damals schon zu lesen, dass in keinem westlichen Land Marktwirtschaft eins zu eins aus der Theorie übernommen wurde - nicht mal in den USA.

    Andererseits haben die Wähler in Deutschland als Gesamtheit überhaupt kein Interesse an sinnvoller Wirtschaftspolitik. Deshalb wird die CDU der SPD immer ähnlicher und deswegen erblöden sich auch einige Parlamentarier sogar dazu, die FDP oder den AfD in die rechtsextreme Ecke zu stellen.


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