Ivanka Trump bei Siemens
„First Daughter“ lernt von deutschen Azubis

Die Präsidententochter informiert sich bei Siemens über das deutsche Ausbildungssystem. Aus gutem Grund: Die duale Ausbildung ist in den USA kaum verbreitet – könnte aber gegen den Fachkräftemangel helfen.
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BerlinIvanka Trump drückt auf einen roten Knopf auf dem Display und schon setzt sich die Automatisierungsmaschine surrend in Bewegung. Mechatronik-Auszubildender Gerrit Hendrik Rabe zeigt auf einen orangefarbenen Roboter. „Unsere kleine Dancing Queen da drüben macht eigentlich die meiste Arbeit“, erklärt er. Ivanka Trump zeigt sich beeindruckt. „Eine wunderschöne Maschine“, sagt sie.

Die First Daughter ist zu Besuch in einem Ausbildungszentrum von Siemens. Mit dabei: Konzernchef Joe Kaeser und Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Kaeser erklärt ihr die technischen Vorgänge. Sie hört ihm eine Weile konzentriert nickend zu, dann legt sie ihm die Hand auf die Schulter. „Ich bin froh, dass Sie mir das alles erklären“, scherzt sie und lacht.

Die technische Komponente steht für die Präsidententochter nicht im Vordergrund. Sie ist gekommen, um sich über das duale Ausbildungssystem in Deutschland zu informieren. Deshalb sucht sie während ihres 45-minütigen Besuchs vor allem das Gespräch mit den Auszubildenden. Sie fragt Azubi Rabe, warum er sich für eine Ausbildung entschieden hat und warum er sich ausgerechnet dieses Programm ausgesucht hat.

Bereits bei Angela Merkels Besuch in Washington Anfang März hatte Trump großes Interesse am deutschen Ausbildungssystem gezeigt. Bei einem Wirtschaftsdialog über Ausbildungsfragen im Weißen Haus saß sie neben der Kanzlerin, auch Kaeser war dabei: Er gehörte zur hochkarätig besetzten Wirtschaftsdelegation der Bundeskanzlerin. Der Siemens-Chef und Merkel luden Trump nach Berlin ein, damit sie sich selbst ein Bild vom deutschen Ausbildungssystem machen kann.

Die Siemens Technik Akademie Berlin ist das weltweit größte Ausbildungszentrum von Siemens: 1300 junge Menschen werden hier in technischen und kaufmännischen Berufen ausgebildet oder absolvieren ein duales Ingenieursstudium. Die theoretische Ausbildung erhalten sie in der hauseigenen Berufsschule, die praktische Ausbildung in den Siemens-Werken nebenan.

Kaeser führt Trump zu einem Projekt, das ein Team von Auszubildenden gemeinsam hergestellt hat: eine vollautomatische Kaffeemaschine. Die First Daughter wird gefragt, was sie trinken möchte. Sie entscheidet sich für einen Kakao, doch als sie den entsprechenden Knopf drückt und die Maschine einen Plastikbecher auf den Weg zum Abfüllen des Heißgetränks schickt, stockt das Band plötzlich und der Becher bleibt stehen. Die Azubis tauschen nervöse Blicke aus. Klassischer Vorführeffekt. Trump lacht. „Vielleicht hätte ich besser einen Kaffee bestellen sollen“, scherzt sie.

Die Präsidententochter ist jedoch nicht nur zum Spaß bei Siemens. Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD, erklärt: „Frau Trump schaut sich genau das an, was in den USA fehlt: Eine fachlich gebundene berufliche Ausbildung.“ Ein solches duales System ist in den USA praktisch nicht vorhanden. Junge Menschen beenden die Schule normalerweise mit dem High-School-Abschluss im Alter von 17 oder 18 Jahren. Danach zieht es die meisten an die Universität. Nur wenige Arbeitgeber bieten gute Ausbildungsplätze an.

Eine Alternative sind die sogenannten Community Colleges. Die Ausbildung dort ist betriebsnah gestaltet, allerdings nicht an ein bestimmtes Unternehmen gebunden wie beispielsweise ein duales Studium in Deutschland, sagt Schleicher. Das habe den Vorteil, dass die Absolventen nach der Ausbildung sehr flexibel und mobil seien. „Bei der tertiären Ausbildung sind die USA also ganz gut aufgestellt“, sagt Schleicher. Mängel gebe es hingegen bei der sekundären Berufsausbildung, die Schulabgänger in Deutschland bereits mit 16 Jahren beginnen können. „Hier können die USA viel von Deutschland lernen.“ Denn der Fachkräftemangel ist in den USA ebenso ein Problem wie in Deutschland.

Thomas Leubner, Chief Learning Officer bei Siemens, bestätigt, dass das deutsche Ausbildungssystem auf großes internationales Interesse stoße. „Zu uns kommen häufig internationale Delegationen, die sich unsere Ausbildungsprogramme anschauen möchten“, sagt er. Neulich sei Präsident Mauricio Macri aus Argentinien zu Besuch gekommen. Und auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung wirbt im Ausland für das duale Ausbildungssystem.

Dabei sei das Schweizer System noch besser, betont Bildungsexperte Schleicher: „In der Schweiz ist die akademische und die berufspraktische Ausbildung besonders eng verzahnt und das System ist insgesamt durchlässiger als in Deutschland.“ Vielleicht führt der nächste Besuch der First Daughter ja dann in die Schweiz.

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