IWF-Debatte
Ökonomen vermissen Einsatz für deutschen Kandidaten

Die deutsche Unterstützung für Frankreichs Finanzministerin Lagarde bei der Besetzung des IWF-Chefpostens hat Besorgnis unter Ökonomen ausgelöst. Die Experten befürchten, Deutschland verliere international an Einfluss.
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DüsseldorfÖkonomen haben Bundeskanzlerin Angela Merkel mangelnden Einsatz für einen deutschen Kandidaten für den IWF-Chefposten vorgeworfen. Deutschland habe mit Altkanzler Gerhard Schröder, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, dem ehemaligen Bundesbankpräsidenten Axel Weber und dem Chef der Osteuropa-Bank EBWE, Thomas Mirow, durchaus eine Reihe erfahrener Persönlichkeiten aufzubieten, „die man ins Spiel bringen könnte“, sagte der Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann, Handelsblatt Online. „Den erklärten Gefallen der Bundeskanzlerin an der französischen Kandidatin Lagarde kann man angesichts ihrer wirtschaftspolitischen Vorstellungen, die den Interessen Deutschlands zuwiderlaufen, kaum verstehen.“

Um die Nachfolge des in New York wegen versuchter Vergewaltigung angeklagten früheren IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn ist ein Rennen zwischen Europa und den Schwellenländern entbrannt. Bei den Europäern kristallisierte sich am Wochenende immer mehr die französische Finanzministerin Christine Lagarde als Kandidatin heraus. Aber auch die Schwellenländer nannten erste Namen aus ihren Reihen. Bis Ende kommenden Monats will der IWF einen Nachfolger für den zurückgetretenen Strauss-Kahn finden.

Für Zimmermann zeigt sich in der deutschen Zurückhaltung in der IWF-Personaldebatte einmal mehr ein Versagen der Politik hierzulande. „Bei allem wirtschaftlichen Erfolg und der daraus erwachsenden politischen Stärke sind unsere Vorstellungen und Orientierungen zu sehr nach Innen orientiert und deshalb provinziell“, sagte der frühere Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Im deutschen Regierungsapparat befänden sich deshalb auch kaum Ausländer und eine zeitweise Abordnung ins Ausland aus dem Apparat in internationale Organisationen habe immer ein wenig den Beigeschmack einer Degradierung und diene bei einer Rückkehr jedenfalls nicht dem weiteren beruflichen Aufstieg.

Der renommierte Krisenökonomen Max Otte regte eine spezielle Ausbildung für politischen Führungskräftenachwuchs an. Deutschland habe kein Korps internationaler Spitzendiplomaten, wie zum Beispiel Frankreich. „Hier müsste für besonders geeignete Ministerialbeamte ein Fast-Track geschaffen werden, wie dies zum Beispiel in Frankreich, den USA oder England besteht, wo die Selektionsfunktion durch entsprechende Eliteuniversitäten erfolgt“, sagte der Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Worms Handelsblatt Online. Otte beklagte, dass Deutschland traditionell in den internationalen Institutionen unterrepräsentiert sei. „Die deutschen Regierungen haben selten aktiv deutsche Kandidaten und Interessen durchgesetzt.“

Ähnlich äußerte sich IZA-Direktor Zimmermann. „Die Unfähigkeit der deutschen Elite in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, geeignete Persönlichkeiten für internationale Führungspositionen zu qualifizieren und im richtigen Zeitpunkt auch zu platzieren, ist ein seit langem beobachtbares Phänomen“, sagte er. Das hänge mit der geringen Internationalität dieser Elite insbesondere im Wirtschaftsbereich zusammen. „Die Folge ist eine viel zu geringe Vernetzung mit den Führungsschichten der anderen Nationen, wie sie etwa in den anderen Eliten der G20-Nationen zu beobachten ist.“

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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  • D'Accord ! Ja die Grünen sind wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Ich bin zwar auch gegen Netzzensur, für Bio-Lebensmittel und alternative Energien, aber deren Gutmensch-Verteilungsstreben widerstrebt mir auch. Im Endeffekt kann man heutzutage wirklich alle großen "Volksparteien" vergessen.

  • Leider unetrliegen Sie dem Irrtum das Sozialismus "sozial" ist. Das mag ganz ursprünglich in der Theorie so gewesen sein, aber in der Realität heißt das nichts anderes als alles und jeden gleichmachen und aus der EU eine Transferunion. Denn die Griechen gehören dazu, genauso wie Portugal. Ich gönnen den Griechen und Südländern ihren Status-quo und Mentalität. Es kann aber nicht sein, dass wir hierzulande wie blöde Arbeiten, es nicht genügend Kitas gibt, Renten defacto gekürzt werden und sonstige zunehmenden Einschränkungen, nur um hunderte von Mrd. in Europa zu verteilen. Das ist aber genau die Idee hinter dem Sozialismus. Natürlich bleibt die Gruppe von Politikern, obersten Bankern und CEOs außen vor (wie schon in der DDR, Sowjetunion..). Denn diese Herrschaften sind bekanntlich "gleicher" als alle anderen. Von daher sehe ich Sozialismus als schlimmste Form des Kapitalismus an. Profite privatisieren, Verluste sozialisieren und das im ganzen großen Stil.

  • Ich kann Ihnen allen zustimmen.
    Aber eines darf nicht vergessen werden, der Voräufer für die Abzock-Politik der ganz normalen Bürger war Rot-Grün mit dem Genossen der der Bosse, Schröder.
    Die Grünen haben damals ihre ganze kapitalistische Fratze gezeigt und heute wählt man sie, weil sie sich als die bürgerliche soziale Partei präsentieren udn keiner hält ihnen ihre Fehler mal entgegen.
    Merkel hat doch nur Schröder-Politik fortgeführt und noch verfestigt und verschlimmert
    Dazu eine ganze große Portion DDR-Sozialismus.
    Und Sarkozy, der nicht blöd ist, hat sie im Griff, da stimme ich @Thomas zu.
    Irgendwas läuft da, da muß man kein Verschwärungs-Theoretiker sein.
    Das ist ja auch mit dem Rettungsschirm, den zuerst Sarkozy favorisierte und nun macht Merkel fleißig mit
    Sarkozy paßt Deutschlands Stärke nicht, er vergißt nur, dass diese Stärke auf Kosten der Bürger ist, denn Deutschland ist ein Niedriglohnland in der EU.
    Es wird Zeit, dass Deutschland völlig neu geordnet wird, aber mit den derzeitigen Parteien geht das nicht, es sei denn, die SPD besinnt sich wieder auf ihre Wurzeln und hört auf den Grünen hinterher zu laufen.
    Und um die eine Frage zu beantworten: ja, es kann einen neuen "Führer" geben in unsrem Land, und das sit auch meien große Sorge und Furcht. Die Parteien bereiten doch selbst den Weg dazu.
    Wir haben doch mehr und merh Verhältnisse wie vor 33, eine kleien Clique wird immer reicher und das Volk verarmt

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