Jahrestag von Pegida
„Das Volk ist mehr als die besorgten Bürger“

Mehr als 30.000 Menschen waren am ersten Jahrestag von Pegida in Dresden auf der Straße. Befürchtete Straßenschlachten blieben aus, es kam aber immer wieder zu Zusammenstößen. Die Zahl der Gegendemonstranten überraschte.

DresdenAuch wer den frisch gewählten Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) in der vergangenen Woche erlebt hat, hätte wohl nicht damit gerechnet, dass am darauffolgenden Montag mehr als 14.000 Menschen in Dresden gegen Pegida demonstrieren würden. Es war die bislang größte Gegenversammlung in der Hauptstadt der asylkritischen Bewegung, die seit einem Jahr die Stadt spaltet und auch in der Bundespolitik Erregung und umstrittene Reflexe auslöst.

Hilbert hatte ein eiliges Schild gemalt, auf dem mit schwarzem Filz „Ich bin Dresdner! Ich gehe nicht zu Pegida“ stand – und er war einer der ersten Prominenten in der Stadt, die auf Twitter für @BuntesDresden warben, Pegida nicht zu folgen. Die Aktion muss im Netz mit für den Erfolg verantwortlich gewesen sein. Und das ganz ohne Eiswasser.

Kein ernst zu nehmender Beobachter hätte noch am Montagmittag mit mehr als 10.000 Teilnehmern gerechnet, die am Protest gegen Pegida auf die Straße gehen. Unter dem Motto „Herz statt Hetze“ hatten verschiedene Initiativen und Parteien, darunter auch das Blockade-Bündnis „Dresden nazifrei“, zu einem Sternmarsch in das Stadtzentrum aufgerufen, wenn auch verhalten.

Doch die Dresdner haben nach einem halben Jahr ganz ohne jegliche Gegendemonstrationen ihren Protest gegen Pegida gezeigt. Schon die rund 5.000 Studenten, die nachmittags vom Campus aufbrachen, ließen erahnen, dass viele kommen werden. Die anderen Sternmärsche waren ähnlich stark vertreten.

„Das Volk ist mehr als die besorgten Bürger“, sagte eine Frau Mitte 40 mit ihrem Sohn an der Hand und zeigte in Richtung Theaterplatz, dem Kundgebungsort von Pegida. Sie konnte es offensichtlich selbst kaum fassen, dass es gelingen könnte, in Dresden auch zahlenmäßig eine Pegida ebenbürtige Demo auf die Beine zu stellen. Wie viele Dresdner ärgert sie sich darüber, dass Pegida den angeblichen Volkswillen okkupiert zu haben scheint.

Seit nun einem Jahr ziehen die selbst ernannten „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlands“ montags durch die Innenstadt und hetzen zuletzt immer ungezügelter gegen vermeintlich kriminelle Ausländer. Nirgendwo anders in der Republik ist es Pegida gelungen, auch nur vergleichbare Akzente zu setzen wie in Sachsens Landeshauptstadt - auch wenn inzwischen ganz Deutschland über Pegida spricht. Zuletzt erst am Sonntagabend in der ARD-Talkshow von Günther Jauch.

Noch am Montagmorgen nannte der in Dresden lebende Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die Pegida-Organisatoren „harte Rechtsextremisten“, am Nachmittag setzte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) nach: „Ich will mit den Pegida-Chefs nach wie vor nichts zu tun haben. Das sind Rechtsradikale“, sagte er beim SPD-Sternmarsch. Er plädierte für neue Formen der Demokratie, um die zu gewinnen, die im Mitlaufen bei Pegida die einzige Möglichkeit des Protestes sehen. Wie, das sagte er jedoch nicht.

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