Jamaika-Gespräche auf dem Balkon
Sondierungen von oben herab

Monarchen wissen um die Wirkung eines Grußes vom Balkon. Die demokratische Politik unterschätzte ihn lange. In unseren narzisstischen Zeiten droht der Balkongruß nun, im Inflationären unterzugehen. Eine Glosse.
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In Deutschland wird der Balkon ja gerne kleingeredet. „Für uns reicht es nur für Urlaub auf Balkonien“, heißt es häufig. Für ein Stück Balkon verlangt der Vermieter nur ein Bruchteil dessen, was die innenliegenden Quadratmeter bringen. Bei vielen ist der Balkon nur der Platz für die Satellitenschüssel. Schlimmer ist es nur in Frankreich: Dort gilt ein bodentiefes Fenster mit einem halbhohen Gitter sogar schon als Balkon.

Adlige, Popstars und Spitzensportler haben dagegen bereits seit langem den Wert des Balkons erkannt. Die ersten waren die Könige. Sie wussten um den Zauber für das Volk, wenn sie sich auf ihm zeigen. Das Anschauen-Können. Das Ganz-nah-dran-Sein. Die geradezu irreale Schönheit der Königskinder und Königeltern bewundern dürfen. 

Auch Päpste wussten schon früh um die Wirkung einer guten Balkon-Performance. Je größer die Masse der Bewunderer, desto besser. 

Später dann präsentierten sich die Helden der Gegenwart auf den Balkonen der Republik: Fußballer, Handballer, Popkönige. Und immer färbte ein klein wenig von der Freude, der Schönheit der Auserwählten, ab auf jene, die dem Zauber für einen kurzen Moment beiwohnen konnten. 

Die Balkongrüßenden unterstreichen ganz nebenbei so auch ihre Großzügigkeit. Denn sie können schließlich selbst entscheiden, ob sie sich zeigen wollen oder nicht. 

Nach Prinzessin Diana und Prinz Charles, Königin Elisabeth und Bayern-Chef Uli Hoeneß hat auch die Politik den Balkon längst für sich entdeckt, hatte ihn bisher aber nur punktuell eingesetzt. Legendär ist die große Balkonversöhnung 2013 des damaligen CSU-Verkehrsministers Peter Ramsauer mit SPD-Landesmutter Hannelore Kraft, die am Ende zu vier Jahren Großer Koalition führte. 

In unseren narzisstischen Zeiten sind nun beim Einsatz des Balkons in der Politik alle Schamgrenzen gefallen. Die große Geste des Balkongrußes droht im Inflationären unterzugehen. Regelmäßig zeigen sich die Jamaika-Sondierer nach ihren Gesprächen auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft, um das Volk zu grüßen. Natürlich nur im übertragenen Sinne, denn das Volk, das sind rund zwei Dutzend Hauptstadtjournalisten, die bei Wind und Wetter ausharren, um einen Schnappschuss zu ergattern. 

Dass die Sondierer noch gar nichts Großes geleistet haben – Schwamm drüber. Dass Sie vom Volk gewählt sind, und nicht von Gottes Gnaden – eine Detailfrage. Wichtig ist doch, dass die Botschaft rübergebracht werden kann: alles prima, alles transparent – wirklich. Der Vorteil im Vergleich zum Selfie liegt auf der Hand: Auf so ein Balkonfoto passt einfach mehr drauf, sogar Videos ohne Ton sind möglich. 

Bei all dem fröhlichen Posieren seien die Politiker aber vorgewarnt. Es kann auch schiefgehen. Das Bild vom vollkommenen Glück von Prinzessin Diana und Prinz Charles auf dem Balkon verzückte die ganze Welt. Es war eine Täuschung. Nur wenig später zerbrach die Ehe.

Dana Heide ist Korrespondentin in Berlin.
Dana Heide
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Jamaika-Gespräche auf dem Balkon: Sondierungen von oben herab"

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  • Oh, auf welch´ wunderschöne Verhandlungen haben sich die Jamaika Akteure eingelassen? Wenn das jetzt so herrlich disharmonisch zugeht, wie so das dann eine ganze Legislaturperiode werden?

    Meine persönliche Einschätzung ist, dass die 3 Parteien nicht miteinander können.

    Neuwahlen könnten eine mögliche Konsequenz sein, wenn sich die SPD weiterhin ziert.

    Dann lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende ... ;-)

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