Jauch-Talk zu neuem Buch
Sarrazin erklärt Euro-Bonds zur „Buße für den Holocaust“

Thilo Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben. Bei Günther Jauch zeigte sich, wie seine Tabubrüche funktionieren: Diesmal schlägt er einen Bogen von der Eurozone zum Dritten Reich. „Bullshit“ ruft Peer Steinbrück.

BerlinEs ist ein Schauspiel, das allmählich alt wird: Wann immer Teilzeit-Autor und Vollzeit-Provokateur Thilo Sarrazin neue Thesen verbreitet, beginnt in Deutschland eine Diskussion, die eher an ein Theaterstück mit festen dramaturgischen Regeln  erinnert als an eine gesunde Debatte. Im Politbetrieb setzt kollektive Schnappatmung ein, im Hintergrund warnt der Chor des intellektuellen Establishments, der Begriff „geistiger Brandstifter“ fällt, es gibt Proteste – und in den Internetforen tönt es: „Endlich traut sich einer zu sagen, wie es ist.“

So war es 2010, als Sarrazin mit seiner Streitschrift „Deutschland schafft sich ab“ verhaltensauffällig wurde. Und so wird es auch jetzt wieder sein, wenn er mit seinem neuen Buch „Europa braucht den Euro nicht“ nachlegt. Das zeichnete sich bereits im Vorfeld von Günther Jauchs Sendung in dieser Woche ab – wenige Tage vor dem Erscheinen des Buches. Umgehend brach der Wirbel los, als sich herumsprach, dass ein Mensch mit einer so schwierigen Sozialprognose in einer öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows Platz nehmen darf: Aus allen politischen Lagern schallte empörter Protest. Selten herrscht parteiübergreifend eine solche Einigkeit wie in der Causa Sarrazin.

Damit kommt die Marketingmaschinerie pünktlich zur Veröffentlichung am Dienstag in Gang. Vermutlich bringt es auch Sarrazins neues Werk zum Kassenschlager, obwohl finanzpolitische Sachbücher eher nicht als Lieblinge des Massenpublikums gelten. Doch um das Thema geht es auch nicht in erster Linie. Es geht vor allem um die Frage, was Sarrazin nun wieder sagen wird, um die deutsche Konsenskultur in Wallungen zu bringen.

Und so nimmt das Spiel seinen Lauf, Sarrazin provoziert, die Konsenskultur wallt. Vor dem Studio protestieren die Leute. „Brauchen wir den Euro wirklich?“, fragte Jauch in Anlehnung an den Buchtitel. Neben Sarrazin selbst war nur ein weiterer Gast geladen, der frühere Bundesfinanzminister und Euro-Befürworter Peer Steinbrück (SPD). Im Prinzip eine spannende Konstellation: Zwei klare Positionen, ein Pro und ein Contra. Damit hätte eine tiefer gehende Diskussion möglich sein können als in den üblichen, oft überfrachteten vier- bis sechsköpfigen Talkrunden. Nur es funktionierte nicht. Vielleicht lag es am Thema, vielleicht an den Gästen. 

Der Finanzexperte Peer Steinbrück gab sich keine Mühe, mit seiner Antipathie zu haushalten; das war schon seiner Mimik zu entnehmen. Steinbrück sah aus, als hätte er etwas Übelriechendes unter der Nase, mit gerümpfter Nase und heruntergedrückten Mundwinkeln. Ob sich die beiden duzen würden, fragte Günther Jauch zum Einstieg. Schließlich sei das unter Sozialdemokraten so üblich. „Wir werden uns in der Sendung siezen“, entgegnete Steinbrück eisig.

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