Jens Weidmann

Das fleißige Bienchen der Kanzlerin

Sachverständiger, Spitzenbeamter, Wirtschaftsberater - Jens Weidmann ist ein Turbo-Aufsteiger. Der Mann, der nun die Bundesbank leitet, hat vor allem eines - sich hochgedient.
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Bisher war Jens Weidmann Angela Merkels engster Wirtschaftsberater - nun ist er Bundesbank-Chef. Quelle: dpa

Bisher war Jens Weidmann Angela Merkels engster Wirtschaftsberater - nun ist er Bundesbank-Chef.

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Berlin

Für Angela Merkel ist der Amtsantritt von Jens Weidmann als Bundesbankchef wohl eher kein Festtag. Dass sie so rasch auf ihren bewährten Chefberater in Wirtschafts- und Finanzfragen verzichten muss, traf sie unvorbereitet. Und so richtig gefüllt hat sie die durch Weidmanns Abgang gerissene Lücke noch nicht. Das ist umso schmerzhafter, als es die Kanzlerin nicht nur wegen der Energiewende nach der Atomkatastrophe in Japan mit der Wirtschaft momentan alles andere als leicht hat.

Angela Merkel glänzt im kleinen Kreis gerne mit Detailwissen. Aber wenn es um komplizierte Finanzmarktprodukte oder Transparenzregeln für Hedge-Fonds ging, hat sich die Kanzlerin bislang lieber auf einen jungen Mann mit müden Augen und wachem Verstand verlassen. "Stimmt das so, Herr Weidmann", fragte Merkel dann ihren Wirtschaftsberater, "oder habe ich etwas vergessen?" Manchmal überließ die Chefin dem 42-jährigen Wissenschaftler die Darstellung komplizierter Sachfragen auch ganz. "Das erklärt Ihnen jetzt Herr Weidmann", sagte Merkel dann trocken, "der kann das sowieso besser als ich."

Egal ob bei G20-Gipfeln, europäischen Räten oder vertraulichen Abendrunden mit Topmanagern im Berliner Kanzleramt - stets war der schlanke Ministerialdirektor zur Stelle und ergänzte bei Bedarf mit ruhiger, leiser Stimme den Vortrag der Kanzlerin. Oder er schrieb für die Chefin jene Vorlagen, die sich am Ende zäher Verhandlungen in internationalen Kommuniqués oder Bundestagsbeschlüssen wiederfanden.

So sind die Bundesbank-Chefs abgetreten
Bundesbank - Präsidenten
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Hier sind sie versammelt, die bisherigen zehn Präsidenten der Deutschen Bundesbank. Erster Präsident war Wilhelm Vocke (untere Reihe, zweiter von links). Er führte die Notenbank vom 1. August 1957 bis zum 31. Dezember 1957.

huGO-BildID: 20853363 Bernard, Karl (Präsident des
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Vocke hatte das Amt gemeinsam mit Karl Bernard inne. Sie saßen auch in Führungsgremien der Bank deutscher Länder vor, aus der die Bundesbank 1957 hervorging.

huGO-BildID: 20853371 Blessing, Karl (Präsident der
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Karl Blessing leitete die Bundesbank vom 1. Januar 1958 bis zum 31. Dezember 1969 - also zwölf Jahre, so lange wie kein anderer Präsident.

huGO-BildID: 20853373 Klasen, Karl (Präsident der
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Karl Klasen hatte das Amt vom 1. Januar 1970 bis zum 31. Mai 1977 inne.

huGO-BildID: 20853372 Emminger, Otmar (Präsident der
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Otmar Emminger stieg vom Vizepräsidenten der Bundesbank auf den höchsten Posten auf. Präsident der deutschen Notenbank war er vom 1. Juni 1977 bis zum 31. Dezember 1979.

huGO-BildID: 20853375 Pöhl, Karl Otto (Präsident
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Karl Otto Pöhl war vom 1. Januar 1980 bis zum 31. Juli 1991 Bundesbank-Präsident und erreicht damit fast die Rekord-Amtszeit von Karl Blessing.

Pöhl trat zurück - auch, weil seine Warnungen vor dem 1:1-Umtausch bei der Währungsunion mit der DDR ignoriert wurden.

huGO-BildID: 20853376 Schlesinger, Helmut (Vizepräsident der
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Für Helmut Schlesinger (1. August 1991 bis 30. September 1993) hatte die Stabilität der D-Mark höchste Priorität - ohne Rücksicht auf Konjunktursorgen der Regierung.

Seine Amtszeit wurde aus Altersgründen - er trat seinen Posten im Alter von 66 Jahren an - von vornherein begrenzt, üblicherweise wird der Bundesbankpräsident für acht Jahre gewählt.

"Ich bereite die Themen so auf, dass sie eine Entscheidungsgrundlage hat", beschreibt der Spitzenbeamte Weidmann seine Aufgabe selbst. Macht habe er "wirklich nicht", denn "die Entscheidungen trifft am Ende immer die Politik". Im Gegensatz zu anderen, die den Mächtigen der Welt als Ratgeber dienen, inszeniert sich Weidmann weder als heimlicher Herrscher noch als trickreicher Strippenzieher. Seine liebste Rolle ist die des klugen Dieners der Kanzlerin.

Da mag es schwerfallen, sich vorzustellen, wie der weisungsgebundene Staatsdiener sich nun in einen Bankenpräsidenten verwandeln soll, dessen größtes Markenzeichen gerade die Unabhängigkeit von der Politik ist. Kann das funktionieren? Steht Weidmann, der die Wünsche der Regierungszentrale fünf Jahre lang effektiv umgesetzt hat, künftig plötzlich als Bollwerk der Eigenständigkeit im Sturm der politischen Interessen - gänzlich immun gegen die Wünsche der Regierung?

Der jetzige Bundesbank-Chef Axel Weber selbst bezeichnet Weidmann als "hervorragend" und hält es für "nicht gerechtfertigt, ihm zu viel Nähe zur Politik vorzuwerfen". Doch vor allem im Lager der Liberalen, aber auch bei manchen Abgeordneten der Union gibt es Vorbehalte - von der Opposition ganz abgesehen.

Dabei geht es nicht immer nur um die Unabhängigkeit. Merkels Eintreten für die letztlich überflüssige Opel-Hilfe etwa kreiden die Wirtschaftspolitiker auch Weidmann an. Gelegentlich ist sogar Groll zu spüren. Die Abgeordneten mussten während der Krise ohnmächtig zusehen, über was für unvorstellbare Summen der Spitzenbeamte praktisch verfügte: 480 Milliarden Euro für die Bankenrettung im Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung, 115 Milliarden Euro für das Bürgschaftsprogramm zugunsten notleidender Unternehmen sowie rund 80 Milliarden für Konjunkturprogramme.

Kühl und sachlich zog Weidmann die Fäden hinter den Kulissen
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