Jeremy Rifkin im Interview
„Eine einmalige historische Chance“

Jeremy Rifkin, Gründer und Präsident der Foundation on Economic Trends in Washington, D.C., ist Erfolgsautor und Querdenker. Mit dem Handelsblatt spricht er über den Start der großen Koalition und die anstehenden Reformen.

Herr Rifkin, nach dem Regierungswechsel sind die wirtschaftlichen Aussichten und die Stimmung in Deutschland besser geworden. Ist es endlich vorbei mit dem deutschen Pessimismus, den Sie so oft beklagt haben?

Ja, das hoffe ich. Es ist wirklich gut, wenn die Deutschen aufhören mit ihren übertriebenen ständigen Selbstzweifeln.

Sind die anhaltende Massenarbeitslosigkeit und die langjährige Wachstumsschwäche kein Anlass für Selbstzweifel?

Die Deutschen sollten sich endlich mal auf ihre spektakulären Leistungen seit Kriegsende besinnen. Ich bin Jude und wurde einen Tag vor der Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau geboren. Und gerade ich stelle fest: Seitdem hat Deutschland gewaltige Leistungen vollbracht. Kein anderes Land hat sich so für den Frieden eingesetzt. Ich sehe auch kein anderes Land, das bereit ist, seine wirtschaftliche und politische Macht so zu teilen, wie Deutschland es in der Europäischen Union getan hat. In diesem Sinne spielt Deutschland für Europa eine wichtige Rolle nicht nur als ökonomischer, sondern vor allem als moralischer Motor.

Gilt das auch für die große Koalition unter der Kanzlerin Merkel?

Gerade für sie. Merkel setzt diese Nachkriegstradition des Teilens fort. Bei den schwierigen EU-Budgetverhandlungen hat sie ein finanzielles Opfer gebracht, um Frankreich und Großbritannien zu einer Einigung zu bewegen. Damit hat Merkel ihre staatsmännischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt. Auch bei ihrem Besuch in Washington hat Merkel den richtigen Ton getroffen. Sie trat diszipliniert und zugleich warmherzig auf, und das ist in den USA gut angekommen.

Obwohl die Kanzlerin Guantanamo mit deutlichen Worten kritisiert hat?

Es war gut und mutig, dass sie dieses Thema angesprochen hat. Die Amerikaner mögen es nämlich gar nicht, wenn man vor ihnen katzbuckelt.

Was halten Sie von der Kritik, dass Merkel zwar außen-, aber nicht innenpolitisch glänzt?

Nach 100 Tagen kann man noch kein Urteil fällen über die innenpolitischen Leistungen dieser Regierung. Eines ist klar: Die große Koalition hat die einmalige historische Chance, große Ideen und Visionen zu entwerfen und auch zu verfolgen.

Welche wären das?

Ich sehe drei politische Schlüsselfragen für die große Koalition: Reformen des Bildungssystems, des Gesundheitswesens und schließlich die Energiepolitik. Der Energiegipfel im Frühjahr wird meiner Meinung nach der erste Lackmustest für diese große Koalition.

Warum?

Seit die Rohölpreise steigen und die Russen während ihres Streits mit der Ukraine vorübergehend die Gaslieferungen reduziert haben, ist deutlich, wie verletzlich Deutschland bei der Energieversorgung ist. Dabei ist das Land ideal positioniert, um eine Strategie des Ausstiegs aus Öl und Gas zu entwickeln in Richtung erneuerbare Energien und Wasserstoff. Bei der dritten industriellen Revolution kann Deutschland die Führerschaft übernehmen.

Das sind große Worte ...

... die ich bewusst gewählt habe. Schauen Sie in die Geschichte: Die Dampfmaschine leitete die erste industrielle Revolution ein, der Verbrennungsmotor die zweite, und an beiden war Deutschland beteiligt. In den letzten Jahrzehnten hat sich unser Kommunikationswesen durch Computer und Internet revolutionär verändert. Auch in der Energieversorgung stehen wir vor einem neuen Zeitalter. Deutsche Unternehmen sind führend bei Windkraft und Solarenergie und daher sehr gut aufgestellt, um auf dem Weg in die Ära der Wasserstoff-Wirtschaft die technologische Führerschaft zu übernehmen.

Seite 1:

„Eine einmalige historische Chance“

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%