Joachim Gauck
Der Anti-Supermann

Mit Spannung war seine erste wichtige Rede erwartet worden. Doch Bundespräsident Gauck vermied es, nach seiner Vereidigung ein zentrales Thema in den Mittelpunkt zu stellen. Einmal wurde er aber energisch im Ton.
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BerlinEines muss man Joachim Gauck schon lassen. Immer dann, wenn ein wichtiger Termin an ihn heranrückt, schlägt das Wetter um und liefert nur noch Sonnenschein. Das war bei seiner Wahl zum Bundespräsidenten so und das ist auch heute bei seiner Vereidigung in Bundestag und Bundesrat der Fall. Doch jetzt beginnt für das mit 72 Jahren bisher älteste Staatsoberhaupt bei Amtsantritt der Ernst des Lebens. Und der beginnt heute vor allem mit seiner ersten großen Rede.

Fünf Tage nach seiner Wahl war der 72-Jährige zuvor als elfter Präsident vereidigt worden. Der frühere evangelische Pastor und DDR-Bürgerrechtler sprach den Amtseid mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“.

Gauck selbst hatte schon bei seiner Wahl die hohen Erwartungen an ihn gedämpft, indem er ausdrückte, was eigentlich allen hätte bereits klar sein müssen, ohne das es explizit erwähnt würde, nämlich dass er, wie er es sagte, „kein Heilsbringer, kein Heiliger, kein Engel“ sei. Aber die Welt tickt nicht so, das weiß auch Gauck. Doch er hält den Druck aus und trägt die Verantwortung, die jetzt auf ihm lastet mit präsidialer Gelassenheit. So hat er sich in der Vergangenheit präsentiert und ist auf Tuchfühlung mit dem Volk gegangen. Und so praktiziert er es auch heute. Gauck bleibt seiner Linie treu. Dass er sich der Volks-Aufgabe besonders verpflichtet fühlt, ist auch bei seiner Vereidigung nicht zu überhören. Gauck spricht zwar zu den Gästen im Reichstag, er wählt dabei aber ausdrücklich die Anrede-Formel „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“. Mehr nicht.

Dann fragt er, wie „unser Land“ künftig aussehen solle vor dem Hintergrund der Bedingungen, die die Welt gesetzt hat, die aber auch wir mit bewirkt haben. Er zählt auf, womit die Bürger tagtäglich konfrontiert sind: mit dem Gegensatz Arm/Reich, mit der Globalisierung und ihren Folgen, mit ethnischen Konflikten oder mit einem Nahost-Konflikt, dessen weitere Entwicklung nicht absehbar sei. Und dann ist Gauck bei seinem Lieblingsthema angekommen – der Freiheit. Und er erkennt an, dass sich angesichts der nicht einfachen Weltumstände die Bürger zu Recht fragten, was das für eine Freiheit sei, in der sie leben. Diesen Ängsten will er Rechnung tragen, aber nicht etwa, wie er sagt, indem er der Verunsicherung Vorschub leiste. „Ich will meine Erinnerung als Kraftquelle nutzen, um uns zu motivieren“, verspricht er.

Dann folgt ein politischer Exkurs, ein Ausflug in die deutsch-deutsche Vergangenheit, in der Gauck wichtige Entwicklungsschritte der Bundesrepublik skizziert. Er preist die Nachkriegszeit, als aus Deutschland dank seiner schnell einsetzenden wirtschaftlichen Prosperität ein „Land des Demokratiewunders“ wurde. In dem Revanchismus „nie mehrheitsfähig“ geworden sei. Vielmehr habe es stabile demokratische Strukturen gegeben. Großes Lob zollt Gauck auch der 1968er Generation, die entscheidend mit bewirkt habe, dass die Defizite bei der Aufarbeitung der Vergangenheit größtenteils beseitigt worden seien.

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"Mehr Europa wagen"

Kommentare zu " Joachim Gauck: Der Anti-Supermann"

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  • Die Diktatur der "Alten" wird sich wie Mehltau über unser Land legen und ersticken! Arme Jugend von heute; die "Alten" bringen ihre Repräsentanten in Stellung!

  • "Gauck spricht zwar zu den Gästen im Reichstag, er wählt dabei aber ausdrücklich die Anrede-Formel „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“. Mehr nicht."

    Mal sehen wem er sich verpflichtet fühlt?
    Den Mitbürgerinnen und Mitbürgern oder den Politikern.

    Bei seiner Vita und seinem fortgeschrittenen Alter glaube ich nicht, dass er für "die letzten Tage" die Seite wechselt. Das hätte er auch früher machen können, als es für ihn mehr Bequemlichkeit bedeutet hätte.

    Deshalb bin ich sicher, er bleibt unser Bundespräsident.

  • Wir müssen mehr Europa wagen.“ Mehr ist von Gauck zu Europa nicht zu hören. Er verliert auch kein Wort zu den Schwierigkeiten, denen sich die Politik und die Steuerzahler angesichts eine endlos wirkenden Euro-Rettung ausgesetzt sehen.(Zitat)
    Das Europa Wagnis ist nicht gerade berückend .! Ein Patentrezept hat er auch nicht. Wie sollte er auch? Er predigt das alt bewährte Prinzip „mehr Hoffnung wagen “ .Und das ist nie verkehrt. Er ist eben Pfarrer -

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